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  • Charakterfehler

    Einer meiner Charakterfehler: ich bin selbstgerecht. Heute Morgen traf ich meinen Mitbewohner im Bad. Ich fragte ihn etwas, und er antwortete. Ich konnte es nicht verstehen und fragt noch mal, verstand es wieder nicht. Ich dachte: „kann der Idiot nicht deutlicher sprechen.“ Dann sagte ich was und er verstand mich nicht. Ich musste es wiederholen. Ich dachte: „kann der Idiot nicht besser zuhören.“ Immer ist der andere der Idiot. Es hat mich erschreckt, das über mich wahrzunehmen.

  • Berlin Blog

    18.08.2010

    Gesternabend war ich noch im Prenzlauer Berg und bin mal durch die Lychener Straße gelaufen. Sie liegt in der Nähe von der Schönefelder Allee, da wo auch die Pappelallee beginnt, an der U-Bahn-Haltestelle Eberswalderstraße der U2.
    Im Sommer 1990 lebte ich mal für zwei Monate in der Lychener Straße 58. Das war also ganz kurz nach dem Fall der Mauer. Das Haus war ein völlig heruntergekommenes Gebäude in U-Form, der eine Flügel war schon wie eine Ruine. Es war einfach ein Teil abgebrochen und eine Hauswand fehlte komplett. Die Wohnung – in einem anderen U-Teil – war dennoch eine schöne, große Einzimmerwohnung, die damals, glaube ich, so ungefähr zwanzig Mark Miete im Monat kostete. Ein Freund hatte sie gemietet und war dann doch nicht dort, also nutzte ich die Wohnung.
    Prenzlauer Berg, ehemals Ost-Berlin, war damals gerade erst von den aus dem Westen kommenden Punks und Freaks bevölkert worden. Es gab zahlreiche besetzte Häuser und ansonsten viel Leerstand, da die Häuser so kaputt waren. Es gab Wohnungen oder ehemalige Kneipen im Erdgeschoss, die von Freaks mit alten Sofas und Sesseln ausgestattet wurden. Alles war ziemlich trashig, bunt angemalt, mit Sperrmüllmöbeln ausgestattet, ganz einfach. Keiner hatte Geld, aber alle hatten viel Phantasie.
    Auf den Straßen standen alte Schrottautos herum, die dort schon Monate oder Jahre zu stehen schienen. Die Fassaden waren vergammelt. Es waren Häuser, die einfach 40 Jahre abgewohnt worden waren, ohne jemals renoviert worden zu sein.

    Koloniestraße, Wedding

    Punks, Freaks und Hippies hingen in den Straßen herum und es war wie in einem Dorf, in diesem Viertel zu leben. Man konnte in viele Häuser einfach so reinlaufen. Wir gingen bisweilen in ein Treppenhaus rein und ganz hoch und konnten dann über die Dächer auf die andere Seite des Block wechseln. Ist ja spannender als immer nur die Straße zu nehmen …
    Es gab kaum Läden, und wenn, dann waren es so typische DDR-Läden mit tristen Auslagen und leeren Regalen. Die Schrippen (Brötchen) kosteten acht Pfennige, eine U-Bahn-Fahrkarte kostete 20 Pfennige. Die Straßen bestanden aus Kopfsteinplaster, die Gehwege aus breiten Granitplatten, die etwas schief und krumm da lagen, da der Zahn der Zeit doch an ihnen genagt hatte. Es war eine Mischung aus Weltuntergang und Aufbruchstimmung, ein nach dem Abzug der alten Mächte verlassener Ort, eine befreite Zone für die Outcasts der westlichen Gesellschaft.

    S-Bahn Bornholmerstraße, Wedding

    Gestern bot sich mir ein anderen Bild: geleckte Läden einer nach dem anderen, dazwischen nette, beschauliche Lokale, in der sich brave junge Leute tummelten. Alles komplett domestiziert, alles sauber und adrett. (Leider keine Bilder, da es dunkel war.) Es war ein gewaltiger Kontrast für mich, jetzt, zwanzig Jahre später, wieder durch mein altes Viertel zu laufen. Die Straßen vollgeknallt mit parkenden Glitzer-Autos, die Häuser modernisiert. Heute ist der Prenzlauer Berg eine begehrte Wohnlage, immer noch ein Viertel, das in ist. Wiewohl die progressiven und alternativen Schichten mittlerweile abwandern. Das Viertel ist „abgefeiert“, wie eine meiner Autorinnen sagte, die schon 25 Jahre in Berlin wohnt.
    Das Viertel wird immer wohlhabender, reicher. Es finden sich nun Läden für Klaviere und Flügel von Steinway, Innenarchitektur, Kunsthandwerk, dekadentem Nippes aus den Siebziger Jahren und alles, aus was der übersättigte Wohlstandsbürger noch einen neuen Kick machen kann.
    Ich war wirklich traurig und fast geschockt. Dieser Kontrast schlug mir mit einer derartigen Wucht entgegen. Ich hatte direkt keine Lust mehr, in Berlin zu wohnen.
    Aber das ist auch nur ein Viertel in Berlin. Es gibt so viele Kieze. Manchmal ist jede Straße anders. Ich fuhr im Bus zurück in den roten Wedding, wo ich nun wohne. Der Bus im Prenzlauer Berg war voll mit jungen Leuten vom Schlage StudentIn, und nur solche. Im Bus oder der Tram im Wedding begegnet man völlig anderen Menschen, vielen Migranten, ansonsten Berliner Proletariat. Die Soldiner Straße, wenige Meter von unserer Wohnung entfernt, ist einer der heißesten sozialen Brennpunkte in Berlin, wo die Polizei nur mit schusssicheren Westen reinfährt.

    Ein extremes Beispiel aus der Koloniestraße/Soldinerstraße, Wedding

     

    Hinterhof in der Koloniestraße, Wedding

    Gewaltdelikte sollen jedoch nur untereinander vorfallen, Diebstähle und Einbrüche können allerdings jeden treffen, wie mir von meiner Mitbewohnerin, die mal gute Kontakte zur Polizei hatte, glaubwürdig vermittelt wurde. Gerade am Wochenende wurde in der Wohnung unter uns eingebrochen. Haustüren müssen deshalb immer gut verschlossen bleiben. Eine Minute kann ausreichen und schon ist was geklaut.
    Die Läden hier im Viertel sind fast alle türkisch, vor allem in der naheliegenden Prinzenallee, die wie eine türkische Stadt anmutet. Dazwischen gibt es auch mal arabische Schriftzeichen an den Schaufenstern. In der Badstraße, einer Hauptgeschäftsstraße des Wedding, findet man auch schon gediegen ausgestattete Versicherungsagenturshops oder Telefonläden mit komplett türkischem Außenauftritt. Nicht weit davon in einer Seitenstraße ist übrigens ein sehr gutes pakistanisch-indisches Speiselokal, das Shalimar in der Bellermannstraße. Völlig abgelegen vom Hauptstrom und unscheinbar, ist es ein Geheimtipp. Das Essen ist lecker und preiswert. Die Betreiber sind super nett. Ein kleiner Außensitzbereich zur Straße hin macht den Besuch in lauen Sommernächten zu einem richtig gemütlichen Abend. Dort traf ich übrigens vorgestern eine Frau, die mich vor 15 Jahren einmal in der Tattva-Redaktion besucht hatte. Sie ist die Übersetzerin der Bücher des Advaita-Lehrers Raffael aus Italien. Das war ein großes Hallo und wir speisten dann zusammen und unterhielten uns lange angeregt.
    Gestern morgen traf ich dann gleich noch eine Bekannte in der Badstraße. Berlin hat zwar sechs Millionen Einwohner, aber trotzdem habe ich nun schon zweimal jemand Bekanntes auf der Straße getroffen …

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  • Berlin Blog-Reaktionen und Grüße

    Hallo, Herr Engert!

    Schön, daß Sie jetzt die Möglichkeit haben, in Berlin zu sein! Ich hab dort über 20 Jahre gelebt und gearbeitet, war auch grad bis Freitag dort. Die Oranienstraße in Kreuzberg kenne ich gut…
    Ich wünsche Ihnen einen erfüllenden und bewegenden Berliner Aufenthalt!
    Und Sie hätten sogar die Gelegenheit, einen Satsang von Karim zu besuchen….
    „Sea of Joy“, Stresemannstraße 21 (Termine siehe www.kontemplation-heute.de).

    Ich hab Ihren Berlin-Blog gelesen…..sehr anrührend in seiner offenen persönlichen Art, danke!

    Herzliche Grüße
    Monika Radha Hickstein

    hallo ronald engert!
    danke für die info!
    viel freude in berlin.!..eines der intessantesten gruppen in berlin ist die um christian meyer
    http://zentrum.zeitundraum.org/, aber kennst du ja vielleicht schon…..
    grüße aus dem vogelsberg
    annekatrin zint

    Hallo , lieber Ronald Engert,
    weiterhin gutes Gelingen auch in Berlin hinter der ungewöhnlichen Hausfassade!
    Schade, ich wäre gern zu der Party gekomen, leider etwas sehr kurzfristig, wenn man aus Malaga kommt.
    Ich male ,( auch mal ’ne Hausfassade), mache morphische Zeichnungen zu personellen Beziehungen
    und bin natürlich eifriger Leser der Tattva Viveka.
    Viel Spass und viel Neues auf der Party
    Hetten

    Sei gegrüsst lieber Ron,

    da ich regelmässig Dein email Nachrichten lese, stehe ich sozusagen in Verbindung mit Dir auch wenn Du es gar nicht weisst. Die Nachricht, dass Du jetzt in Berlin bist, veranlasst mich Dir zu schreiben.
    Berlin, Berlin ich liebe diese Stadt und freue mich mit Dir, dass es Dir auch so gut gefällt. Schicke einen Link, der vielleicht ganz interessant für Dich ist. Die ganzen Seiten von dieser wundervollen Frau sind sehr schön!
    http://www.puramaryam.de/kraftortdt.html#schloss
    Eventuell kennst Du diese Info ja schon?
    So, will nicht weiter stören und wünschen Dir weiter ein ganz beschütztes und geführtes Leben.
    Liebe Grüsse
    Moni aus Frankfurt

  • Berlin Blog

    16.08.2010

    Gestern Abend erlebte ich den „pain of regainment“, den Schmerz, der aus dem Wiederfinden einer verlorenen Freude und Lebendigkeit hervorgeht, wenn einem bewusst wird, wie lange man diese Freude nicht gehabt hat.
    Ich war zufällig in einem Salsa-Club im Prenzlauer Berg gelandet. Zuvor hatte ich mir den neuen Film „8. Wonderland“ in der Kulturbrauerei angeschaut (dazu später evtl. mehr). Nach dem Film hörte ich in der Nähe Musik und ging hin.
    Es waren dort viele Menschen, drinnen und draußen. Der Abend war mild. Es gab eine Terasse, wo Menschen auf Salsa-Musik tanzten. Der Eingang in das Lokal war offen und einladend. Keine Tür, keine Gesichtskontrolle. Ich ließ mich reintragen und landete an einer Tanzfläche drinnen.
    Zunächst fand ich das alles etwas befremdend. Es roch etwas süßlich nach Raumdeo. Es war recht warm. Der Raum war voll mit tanzenden Menschen, jedoch nicht so voll, dass es ein Gedränge war. Sie tanzten Salsa, d.h. sie tanzten in Paaren. Die Beleuchtung war recht gut. Die Menschen waren vom Alter her etwa zwischen 30 und 50. Es gab einige Latinos, machen Leute waren etwas schicker gekleidet, andere schlicht oder lässig, immer jedoch geschmackvoll und lebensfreudig. Es waren schöne Menschen. Schöne Frauen und schöne Männer.
    Und das faszinierte mich zunehmend, je länger ich den fröhlich und virtuos tanzenden Paaren zuschaute. Da waren richtige Frauen! Frauen, die ihre Weiblichkeit hervorbrachten und zeigten, Frauen, die gerne mit Männern zu tun hatten.
    Jahrelang hatte ich solche Frauen nicht mehr gesehen. Das ist wirklich so. Ich bewege mich in alternativen und esoterischen Kreisen. Da, wo ich in den letzten Jahren umging, wurde wenig getanzt, und wenn, dann alleine. Man ging alleine auf die Tanzfläche und tanzte alleine. Auch letztens erst, am Samstagabend der Integralen Tagung, war eine Tanzparty und es ging eher so zu, dass jeder für sich alleine tanzte. In diesen Kreisen – und das fällt mir jetzt im Gegensatz zu gestern Abend so richtig ins Auge – gibt es keine weiblichen Frauen. Es gibt männliche Frauen, Emanzen, Frauen mit einer gestörten Beziehung zu Männern und Geschlechtslose, aber keine Frauen, die ihre Weiblichkeit leben. Natürlich steht das in diesen alternativen und spirituellen Kreisen immer als Forderung im Raum. Aber es ist uns nicht bewusst, wie weit wir davon entfernt sind, das zu leben. Männerbild und Frauenbild hängen voneinander ab. Das Männerbild in den alternativen Kreisen ist sehr negativ. Der Mann wird eher als potentieller Vergewaltiger und Gefühlskrüppel wahrgenommen. Männer versuchen, sanft und verständnisvoll zu sein. Frauen lassen ihre Weiblichkeit verkümmern.

    Schönhauser Allee

    Ich sehe es ja an mir. Vor ca. einem Jahr war ich zufällig in einer Salsa-Kneipe in Mannheim. Wir waren mit Freunden dort. Ich hasste diesen Laden. Mir gefiel die Musik nicht und ich hatte nur verächtliche Meinungen für die Gäste übrig. „Die verschwenden ihre Zeit mit oberflächlicher Zerstreuung. Die sind nur auf Sex aus. Das ist obszön. Die sind alle besoffen.“ Meine „politisch korrekte“ Haltung erlaubte es mir nicht, die Schönheit in diesem Tun zu sehen. Ja, ich hatte sehr verurteilende und bewertende Gedanken. Diese Gedanken bildeten ein Weltbild, das meine Meinungen und Überzeugungen prägte. Aber es waren doch sehr rigide und lebensfeindliche Werte, wie ich jetzt langsam merke. Ein Konglomerat aus linker Politik, Öko, asketischer Spiritualität, Weltverbesserer und Entfremdung. Ja, ich war sehr streng mit mir und mit anderen.

    Insbesondere meine Mann-Frau-Konzepte waren alles andere als gesund. Und das scheint mir eben auch bei vielen sogenannten reflektierten oder erleuchteten Leuten der Fall zu sein, bei denen, die sich alternativ verstehen und irgendwie „schon ein bisschen weiter sind“. Da sehe ich Berge von beziehungsgestörten Menschen. Da sehe ich konfliktreiche Mann-Frau-Beziehungen. Da sehe ich Frauen, die ein Problem mit Männern haben und keine Frauen mehr sind, und Männer, die ein Problem mit sich haben und keine Männer mehr sind. Da wird alles problematisiert und das Leben vergessen. Es herrscht viel Schwere und Isolation. Natürlich nicht vordergründig. Natürlich möchte jeder einen guten Schein abgeben. Natürlich wollen wir alle locker und souverän rüberkommen, erfolgreich und beliebt. Manchmal hasse ich die Frage ,Wie geht‘s?‘, weil doch nur erwartet wird, das man ein souveränes, cooles ,Alles bestens‘ rüberbringt. Und wenn ich mal sage ,Es geht so‘ oder Ähnliches, weil es mir wirklich nicht so gut geht, ernte ich erschrockene Blicke des Unverständnisses mit erstaunten Repliken und guten Ratschlägen, wie ich so schnell wie möglich diese dunkle Stimmung wieder loswerde: ,Alles easy‘, ,positiv denken‘, ,mach dich locker‘.
    Und ich muss gestehen, was mir da in dem Salsa-Club begegnete, waren echte Männer und echte Frauen, die sich und das Leben feierten. Es waren schöne Frauen und Männer, weibliche Frauen und männliche Männer, die leidenschaftlich tanzten, virtuos und körperlich, die ihre Hüften bewegten wie Bauchtänzer, sich umarmten und erotisch miteinander spielten. Es waren einige Paare auf der Tanzfläche, die offensichtlich auch in einer Mann-Frau-Beziehung miteinander waren, und da war die Nähe und Berührung wirklich schön anzuschauen. Die Bewegungen waren fließend, befreit, energetisch. Es war offensichtlich, dass die Männer und Frauen Spaß aneinander hatten. Sie tanzten gerne miteinander. Sie wollten die Nähe und Berührung. Sie wollten die sexuellen Anspielungen. Sie feierten ihre Körperlichkeit und Lust. Das war ohne ideologischen Überbau, ohne spirituelle Bemäntelung. Das war direkt und klar. Und es war so lebendig. Und diese Menschen waren einfach schön.
    Für mich als Mann war es besonders schön, diese Frauen zu erleben, die keine Angst oder Vorbehalte vor Männern hatten.
    Es gab drei Tanzflächen und irgendwie hatte ich Glück gehabt. Die Tanzfläche, wo ich stand, hatte einen DJ, dessen Musik mir gefiel, und die Tänzerinnen und Tänzer waren wirklich sehr gut. Es ging bei dem ganzen Event offensichtlich nicht darum, sich mit Alkohol anzuturnen. Die Menschen hatten Freude am Tanzen. Es lag etwas Sattvisches in der Luft.
    Meine letzten beiden Beziehungen mit einer Frau waren geprägt durch Vorbehalte gegen Männer und Sexualität. Es waren beides verletzte Frauen, Opfer von Missbrauch und Sucht. Natürlich hatte das auch etwas mit mir zu tun. Auch ich hatte diese Vorbehalte.
    In dieser Salsa-Tanzbar konnte ich hingegen erleben, was gesundes Leben ist. Hier könnte ich lernen, wieder leicht und unbelastet mit Frauen in Kontakt zu gehen und das Gefühl zu erfahren, dass meine Freude über die Begegnung geteilt wird.

    Was hat das mit Berlin zu tun? Berlin führt mich auf unbekannte Pfade. Es ist so viel los hier und ich kann Dinge erleben, die ich mir nicht selbst ausdenken könnte.
    Und eine politisch unkorrekte Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen. Es war schon ein Unterschied zwischen der Salsa-Disco in Mannheim und der gestern Abend in Berlin. In Berlin haben sie Stil, das hat was von Kunst und Kreativität. Das ist edel und selbstbewusst. In Mannheim ging es schon in Richtung Prol. Die haben sich besoffen, aufgegeilt und grölten herum. Das war nicht viel von Kunst und Geschmack zu erkennen.
    Tja, es geht auch um Qualität. Das wird leider in unserem gegenwärtig vorherrschenden Alle-sind-gleich-und-Bewertung-ist-schlecht-Dogma oft sehr verurteilt.
    Kunst und Schönheit sind Ausdruck des Lebens. Das hat etwas Edles. Leben bedeutet Veredelung. Es kann nicht ausreichen, sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu treffen, damit niemand gekränkt ist. Das soll nicht heißen, dass jemand minderwertig ist. Es geht darum, das jeder in sich das findet, was ihn schön macht und was seine Kunst ist. Es geht darum, den Wert zu finden, der uns zu uns selbst macht. Wenn wir diesen Wert gefunden haben, dann brauchen wir nie mehr neidisch auf andere zu sein, die in irgendeiner anderen Domäne besser sind als wir. Ich halte es für verantwortungslos, sich über andere zu beschweren, weil die schöner, intelligenter oder erfolgreicher als man selbst ist. Es ist ein Leugnungsmanöver, in dem andere für das eigene Leiden oder Minderwertigkeitsgefühl verantwortlich gemacht, ja beschuldigt werden, um nicht die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen zu müssen. Das ist die spirituelle Krankheit. Manche verwechseln das und denken, das sei politische Korrektheit.

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  • Berlin Blog

    The evolution of sins
    The evolution of sins

    14.08.2010
    Berlin ist nicht nur ein äußerer Prozess für mich, sondern auch ein innerer. Es ist auch nicht so, dass es unbedingt Berlin sein muss, oder eine Stadt. Allein die Tatsache, dass eine Veränderung in meinem Leben eintritt, bringt mein Inneres in Bewegung.
    Bedeutsam ist gerade mein verändertes Wohnen.
    In Bensheim lebe ich alleine. Hier in Berlin lebe ich mit drei weiteren Menschen in einer Wohngemeinschaft.
    Ich hatte die ersten drei Tage nun ein zunehmendes Gefühl der Traurigkeit und Enttäuschung, weil das soziale Leben hier in der WG praktisch nicht existiert. Jede/r lebt sein eigenes Leben, es gibt keine gemeinsamen Aktivitäten und kaum Kommunikation.
    Heute morgen nun habe ich Jana, meine Mitbewohnerin und langjährige Freundin, darauf angesprochen. Ich sagte ihr, ich sei traurig, weil wir so wenig in Kontakt sind und ich das Bedürfnis nach Kontakt und Hilfestellung hätte. Jana war dann gleich sehr verständnisvoll und wir redeten über die Situation. Sie stellte ihre Situation dar, dass sie zur Zeit sehr viele dringende Arbeiten zu erledigen habe, und bestätigte mir, dass ihr selbst ebenfalls bewusst sei, dass unser Kontakt zu kurz kommt.
    Das war sehr schön für mich zu hören, ich fühlte mich gehört und verstanden. Das hatte ich dem Umstand zu verdanken, dass ich mich mit meinem Gefühl und meinem Bedürfnis mitgeteilt hatte. Das ist der Weg der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die ich in den letzten Monaten studiert habe und die ich auch in Bad Herrenalb, in meiner Kur, schon kennenlernen durfte.

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    Ich hatte gestern schon ein Gefühl der Einsamkeit. Natürlich wollte ein Teil meines Denkens schon grollen und Jana und den anderen diverse Fehlverhalten attestieren und ihnen die Schuld für meine unangenehmen Gefühle geben. Aber ich weiß mittlerweile sehr gut, dass es nicht um die Frage geht, was macht der andere falsch, sondern um die Frage, was macht das mit mir? Mich machte es traurig, einsam und ärgerlich. Aber ich kann daraus ersehen, dass es Zeit wird, mich damit zu zeigen und mich mitzuteilen. Da bekomme ich aber Angst und Scham. Angst, mich mit meinem Bedürfnis zu zeigen, Angst vor Ablehnung und Verlust. Scham, weil ich keine Schwäche zeigen und mir keine Blöße geben will.
    In Beziehungen ist es jedoch notwendig, die Dinge anzusprechen. Das Aussprechen heilt schon einen großen Teil der Schmerzen. Darüber hinaus entsteht wieder Kontakt und es können Lösungen gefunden werden. Mein Schmerz war der der Einsamkeit und Isolation, der aus dem nicht erfüllten Bedürfnis nach Kontakt mit Jana resultierte. Dieses Bedürfnis ist nun erfüllt und wir haben auch praktische Lösungsmöglichkeiten besprochen, wie wir das in Zukunft handhaben, um beider Bedürfnisse zu berücksichtigen. Janas Bedürfnis ist es, den Raum und die Zeit für ihre Arbeit zu haben.
    Für mich ist es nicht so einfach, nach 12 Jahren alleine leben, wieder mal in einer WG zu sein. Es sind Menschen da, mit denen ich ein angemessenes Maß an Kontakt und Beziehung leben muss. Es ist ungewohnt für mich. Es entstehen neue, ungewohnte Situationen.
    Ich finde es spannend und lehrreich. Es freut mich, hier Wachstumschancen zu bekommen.
    Ansonsten war ich vorgestern mit zwei Freunden zusammen: Bernhard Harrer vom Datadiwan und Wissenstransfer und Gabi Happe, die seit 25 Jahren in dem alternativen Projekt Ufa-Fabrik in Berlin-Tempelhof lebt. Wir trafen uns im dortigen Café und redeten. Es entstand ein sehr schönes Gespräch über die Dynamik von Guru-Bewegungen, die Bedeutung der Gefühle und das Wesen von Authentizität. Wir sprachen auch über Sucht, Gott und Spiritualität. Beide sind richtige Oldtimer der spirituellen Szene und nichts Menschliches ist ihnen fremd.
    Gestern war ich nochmal mit Torsten unterwegs. Wir waren auf dem Alexanderplatz bei einer Veranstaltung mit Straßenkünstlern. Die gefiel uns jedoch beiden nicht so. Außerdem nieselte es öfters, das Wetter war weniger schön.

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    Mehr Informationen

    Also beschlossen wir, nach Steglitz in ein 12 Schritte-Meeting zu fahren. Schön, dass es immer diese Möglichkeit gibt. Es war wieder sehr bewegend. Es ist wohltuend für mich, wenn Menschen ehrlich über ihre Angelegenheiten reden und alle Masken fallen können. Es ist ein heilender Raum, der durch die spirituelle Energie Gottes getragen ist.

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  • Berlin Blog

    Berliner Hauswand
    12.08.2010
    Gestern war Mittwoch, der zweite Tag in Berlin. Der Morgen war sehr schön. Auch heute morgen sitze ich wieder auf meinem Bett, am Fenster, mit Blick auf die Kirche. Es ist sonnig und warm. Von vorne, von der Straße, kommen Geräusche, vielleicht ein Müllauto, oder eine Kehrmaschine.
    Den gestrigen Tag verbrachte ich mit Einrichten der Zimmer, Kochen und der Aktualisierung der Tattva-Website. Um fünf Uhr hatte ich eine Verabredung. Ein Freund, Torsten, der seit Januar in Berlin lebt, hatte sich auf meinen Facebook-Eintrag hin gemeldet.
    Planufer
    Es ist so erstaunlich, wie alles auf mich zu kommt. Ein Fülle an zwischenmenschlichen Kontakte hat sich bis jetzt schon ergeben. Bernhard Harrer, ein alter Freund aus dem Scientific and Medical Network, hat sich auch gemeldet. Ich hatte vor kurzem mit ihm Kontakt und ihm von meinem Berlin-Aufenthalt berichtet. Ich weiß garnicht mehr, wie wir in Kontakt kamen. Zufall? Normal haben wir fast keinen Kontakt. Er zieht morgen von Berlin weg, nach Niederösterreich. Er hat sich gestern gemeldet, damit wir uns nochmal treffen können. Ist doch erstaunlich, ich muss garnichts tun. Seine Freundin ist ein Fan der Tattva Viveka. Wir treffen uns heute Abend in der Ufa-Fabrik. Er zeigt mir das Projekt. Die Ufa-Fabrik, so erzählte er mir kurz am Telefon, ist ein altes Alternativprojekt, das ursprünglich von ca. 60 Leuten besetzt worden war. Heute leben noch etwa 20 Menschen von denen dort zusammen. Ansonsten gibt es dort allerlei alternative kulturelle Projekte. Ich werde es heute Abend erfahren.
    Kanal in Kreuzberg
    Zusammen mit Torsten bin ich dann abends ins 12-Schritte-Meeting in Kreuzberg, in der Lausitzer Straße. Mein erstes dieses Mal in Berlin. Und ich war erstaunt. Vor fast zwei Jahren war ich mal auf der Durchreise in Berlin in einem Meeting. Das war damals wunderschön gewesen und ich dachte schon die ganze Zeit, wenn ich doch nur wüsste, wo und wann das war. Es gibt 40 Meetings in der Woche in Berlin. Es erschien mir schwierig, jedes Meeting abzuklappern, um dieses spezielle zu finden. Und – Ihr werdet es schon ahnen – es war genau dieses Meeting. Und es war wieder genauso schön.
    Graffiti
    Ich teilte davon, wie mich der Wille meiner Höheren Macht nach Berlin geführt hat und wie alles so einfach und praktisch geht. „Wenn es nicht praktisch ist, dann ist es nicht spirituell“, steht im Basic-Text. Ich fühle mich wirklich geführt und beschützt. Ich würde mich ungern von einem Menschen führen lassen. Aber mit Gott ist das was anderes. Hier ist die wahre Führung an ihrem natürlichen Platz.ohne Worte
    Es fügte sich zudem, dass ich neben einer sympatischen, attraktiven Frau saß, mit der ich vor dem Meeting schon in ein angenehmes Gespräch kam. Nach dem Meeting gingen wir dann noch einen Yogi-Tee beim nebenan liegenden indischen Restaurant trinken, zu dritt. Es zeigte sich, dass sie in der Werbebranche tätig ist, gelernte Schriftsetzerin, und nun für den Bereich Grafik und Gestaltung zuständig. Wir redeten über Design. Von ihr erscheint demnächst ein Buch über Druckvorstufe im Die Gestalten-Verlag. Sie sprach von der Werbebranche und die dort herrschende Verlogenheit. Sie will raus aus diesen Kreisen, etwas Soziales für aids-kranke Kinder tun. Sie ist selbst positiv.
    in Kreuzberg
    Ca. 22.30 Uhr verabschiedeten wir uns und ich ging mit Torsten zur U-Bahn Kottbusser Tor. Kurz vor der U-Bahn spürte ich, ich möchte noch nicht nach Hause fahren. Ich sagte zu Torsten, ich würde gerne noch etwas umherlaufen und fragte ihn, ob er auch möchte. Er entschied sich jedoch, heim zu fahren. Das war voll okay für mich und ich freute mich, noch etwas alleine durch die belebten Straßen zu schlendern. Es gab Zeiten, da wäre ich überhaupt nicht fähig gewesen, das zu kommunizieren, meine Bedürfnisse anzumelden. Ich wäre vermutlich mit in die U-Bahn getrottet und heimgefahren. Heute kann ich mich zeigen und meine Bedürfnisse und Wünsche kommunizieren und das tun, was mir gut tut. Torsten war es natürlich Jacke wie Hose, ob ich jetzt noch ein Stück in der U-Bahn mitfahre oder ob wir uns hier trennen. Ich bin nicht für sein Leben verantwortlich und er erwartet das auch nicht im geringsten von mir. Ich habe jedoch in meinem Leben ein co-abhängiges Muster ausgebildet, das es mir unter anderem schwer macht, eigenständig zu bleiben. Es gibt in mir so Verschmelzungstendenzen, die dazu führen, dass ich mich für den anderen zuständig glaube, mich nicht rechtzeitig lösen kann und dann Dinge tue, die ich nicht tun möchte – weil ich dann eh nicht weiß, was ich überhaupt tun möchte. Aber ich werde immer klarer damit und kann mittlerweile immer besser für mich sorgen. Spontan kann ich meine Bedürfnisse und Gefühle wahrnehmen und kommunizieren, ohne Angst und Scham. Das ist ein guter Schritt in Richtung Genesung.

    Ich stand dann an der Kreuzung und blickte mich um. Es gab verschiedene Straßen, in die ich hätte gehen können. Überall waren Menschen und Lichter. Eine Straße hatte mich schon von Anfang an angezogen. Ich schritt hinein und entdeckte gleich am Anfang eine Art Gartenwirtschaft hinter einem Zaun auf einem unbebauten Grundstück. Das war natürlich keine „normale“ Gartenwirtschaft, sondern die Berliner Szeneausführung davon. Es ging irgendwie nach unten in eine Vertiefung, wie wenn da mal angefangen worden war, für einen Neubau die Erde auszuheben. Es waren recht große Dimensionen. In dieser Senke standen Stühle und Tische auf der einen Seite des hinunterführenden Weges und Liegestühle auf der anderen Seite. Die Menschen räkelten sich in den Liegestühlen. Es lief eine Musik im Hintergrund. Das Areal war schumerig beleuchtet. In der Mitte stand eine Hütte für den Ausschank. Der Abend war mild. Bäume und Büsche säumten das Gelände. Kleine Erdhügel und Unebenheiten machten daraus ein uriges Ambiente, wie ein Abenteuerspielplatz für Gesellige.

    Ich ging wieder hinaus auf die Straße. Es war die Oranienstraße in Kreuzberg. Alles voller Menschen. Vor allem sehr junge. Eine Kneipe, ein Esslokal neben dem anderen. Gegenüber ein riesiges, edel ausstaffiertes indisches Restaurant. Nebeneinander Pizza, Falafel, Sushi, Vietnamesisch usw. Ab und zu ein Buchladen, Schaufenster mit Gegenwartskunst oder Nippesläden. Tische auf dem Gehsteig, Trauben von Menschen, Fahradfahrer in Mengen, flippige Leute, redend, lachend.

    Ich sprach eine Frau an. Aber sie wollte alleine sein. Ok. Das Leben in der Straße faszinierte mich. Welche Fülle von Kultur und Kreativität. Manches reichlich schräg, viel Alk. Aber das lässt sich wohl nicht vermeiden. An einer Ecke roch es nach Dope. Diese Dinge kommen mir nun in Berlin näher als in dem Kleinstädtchen Bensheim. Das war mir vorher schon bewusst. Ich trinke nicht und vor allem nehme ich keine Drogen. Das habe ich lange genug getan. Nun bin ich clean und möchte es auch bleiben. Dope, Haschisch, war ja immer meine Lieblingssubstanz. Der Geruch törnte mich nicht an. Ich mag den Geruch, aber ich möchte nichts mehr nehmen. Ich habe das lange genug gemacht. Es gibt da nichts mehr zu holen.
    Auf dem Weg nach Hause dann in der U-Bahn überall Menschen mit Bierflaschen in der Hand. Scheint hier sehr verbreitet zu sein. Ich war froh und müde, als ich nach Hause kam. Es war dann schon fast 0 Uhr. Die Beine waren schwer vom Rumlaufen. Berlin ist gigantisch. Das verführt dazu, sich zu übernehmen. Ich achte gut auf mich, damit ich mich nicht überfordere. Ich wahre meine eigenen Grenzen.
    Ein wunderschöner, gelungener erster Tag in Berlin. Danke an meine Höhere Macht.

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  • Berlin-Blog

    Blick aus meinem Fenster nach hinten
    Oh Mann, wie sehr genieße ich es, alleine zu sein. Morgens ist das ganz wunderbar. ich sitze hier auf meinem Bett, in dem ich übrigens sehr gut geschlafen habe, viel besser als in meinem Bett zuhause, und schaue aus dem Fenster. Die Vögel zwitschern geschäftig vor sich hin. Die Kirche steht da majestätisch mit ihren Türmchen und Zacken. Jetzt beginnen die Glocken zu läuten. Es ist kühl und bewölkt.
    Ich lese meine 12-Schritte-Meditation. Es geht um aktives Zuhören. Ein Zeichen von Genesung ist es, wenn wir den anderen Menschen zuhören können und ihre Gefühle mitfühlen können. Wir sind in der Lage, uns auf einen anderen zu konzentrieren, während er spricht. Wir können das, was für einen anderen in dem Moment gerade wichtig ist, so stehen lassen, auch wenn wir vielleicht denken, das sei unwichtig. Für diese Person ist es bedeutsam. Durch diese Fähigkeit des aktiven Zuhörens beenden wir die Isolation der Sucht und können Liebe und Fürsorge teilen.
    Es ist wichtig, das zu fühlen, was der andere fühlt, während er es fühlt (ein Satz von Daniel Barron, der EBE, emotional body enlightenment, entwickelt hat).
    Gestern Abend hatte ich noch ein Gespräch mit einer Freundin, die auch in einem 12-Schritte-Programm ist. Sie leidet sehr unter einer unglücklichen Liebesbeziehung. Nun hat sie eine buddhistische Freundin, die ihr erklärt hat, sie müssen ihre Gedanken ändern, um aus dem Leiden herauszukommen. Das ist der typische buddhistische Ansatz, der sich auf die Gedanken konzentriert. Die Gedanken sind jedoch nicht der Weg der Heilung. Es geht um emotionale und spirituelle Heilung. Wenn eine emotionale Heilung erfolgt, ändern sich die Gedanken von selbst, denn sie liegen stromabwärts. Sie sind Effekte der Emotionen, nicht die Ursache. Das ist total wichtig. Wir können Gedanken nicht mit Gedanken ändern, hat Angela Tüchler, Cheftherapeutin in der Klinik Bad Herrenalb, gesagt.
    Die Emotionen sind primär, Gedanken sind sekundär. Menschen suchen sich ihre Glaubenssysteme (im Sinne von gedanklichen Strukturen, Überzeugungen, Meinungen) entsprechend ihrer emotionalen Wunden aus. Erfolgt eine emotionale Heilung, dann ändern sich auch alle Glaubenssysteme. Ich habe es selbst erlebt. Je mehr meine emotionale Heilung voranschritt, um so mehr lösten sich meine alten Glaubenssyteme und Weltbilder in Luft auf.

  • Berlin-Blog

    Anfahrt auf Berlin

    10.08.2010

    So, jetzt bin ich in Berlin.
    Gestern abend habe ich meine Sachen gepackt. Das Wichtigste aus dem Büro eingepackt und es war sehr erfrischend. Ich habe einiges weggeworfen. Das Wichtigste eingesammelt und das Büro sah danach richtig aufgeräumt aus. Leer, zenmäßig. Es war reinigend. Es war schon wie ein kleiner Umzug und ich spürte, wie das frischen Wind bringt. Ich sah mein Büro mit anderen Augen. Auch heute morgen zuhause. Eine neue Art von Bezug zu meinen Sachen. Zu den Büchern zum Beispiel. Bisher konnte ich das garnicht mehr so wertschätzen. Konnte die Dinge nicht wahrnehmen. Jetzt sah ich sie wieder und dachte, oh, das ist ja auch meins, könnte ich mir mal wieder anschauen, mal was damit machen. Eine Eroberung, eine Wiederinbesitznahme.
    Heute morgen dann um 4.30h aufgestanden und um 6h schließlich on the road. Meine erste Rast in Kirchheim/Teck machte ich einen Waldspaziergang und ich war so voller Freude. Ich spürte meine Hände und konnte sie frei bewegen. Die Blockade war weg, die ich sonst eigentlich immer spüre. Es war wie: endlich packe ich es an, endlich greife ich zu. Ich nehme mein Leben in die Hand.
    Jetzt bin ich schon in meiner neuen Wohnung. Es sind zwei schöne Zimmer, hell, sonnig. Draußen zwitschern die Vögel, Kinder reden und schreien, Autos, Stimmen, Pfiffe.

    21:30h
    Satt und zufrieden. War gerade in der Nähe in der Pizzeria. Sehr lecker. Meine Beine sind müde, da ich heute ca. 12 mal in den dritten Stock hochgelaufen bin, mit Umzugskartons. Jetzt ist so ziemlich alles oben. Das Zimmer ist schon weiter eingerichtet. Ich habe ein Bett von Jutta bekommen. Wohnlich ist es noch nicht. Ich bin etwas unsicher, da ich schon so lange alleine wohne und jetzt nach 12 Jahren zum ersten Mal wieder mit jemand zusammen. Der erste Abend verbringen ich alleine, da Jutta heute Abend eine Verabredung hat. Aber es ist schön so. Ich komme langsam an. ich bin froh, dass ich mich heute nicht schon in das Stadtgetümmel stürze. Das ist schon unheimlich. Jetzt ist es dunkel und es sind so viele fremde Menschen auf der Straße. Viele junge Ausländer hier, es ist ein stark ausländisch, vor allem türkisch geprägtes Stadtviertel, der Wedding. So viele fremde Menschen, auch heute nachmittag im Supermarkt. Alle möglichen Nationalitäten, schrille Leute, keine braven Bürger.
    Ich war ich gerade im 12-Schritte-Online-Meeting. Habe gerade geteilt. Hätte ich aufnehmen sollen. Eine Zusammenfassung: ich lerne, gut für mich zu sorgen und aus meinem Inneren heraus zu leben. ich mache das mit Berlin nicht für jemanden oder wegen jemanden. Ich lebe mit mir und tue das aus meinem Inneren heraus. Ich glaube auch, dass das der Wille meiner höheren Macht ist. Alles geht so einfach und ist so praktisch. Es ist hier wie ein kleines Paradies. Jana hat alles mögliche da, was ich brauche. ich habe das Bett bekommen, und sie hat Regale, Tischlein, Decken, einen kleinen Papierkorb. WLAN und Waschmaschine ist am Start.
    Je mehr ich mich Gott hingebe, um so mehr komme ich zu mir.

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  • Authentizität


    Zwang: Es kann sein, dass ich zwanghaft etwas tun muss und tatsächlich „denke“, ich „will“ das tun. Zum Beispiel habe ich einen zwanghaften Perfektionismus und habe mir in den Kopf gesetzt, eine bestimmte Arbeit perfekt zu machen. Ich habe dann den Zwang, die Sache nochmal und nochmal durchzuarbeiten, um sie zu verbessern. Der Zwang kommt aus einer emotionalen Ebene. Die Handlung zwingt sich auf, sie manifestiert sich zwanghaft. Ich kann das wahrnehmen und bemerken, dass ich wie unter Zwang handeln muss. Das wäre der neurotische Zustand. Der Neurotiker leidet unter seinen Handlungen, wobei er sich dieses Leidens bewusst ist, aber keinen Weg findet, sein Verhalten zu ändern. Der Neurotiker hat die Wahrnehmung: „Ich muss das tun, gegen meinen Willen oder besseres Wissen.“
    Wenn ich in einem Zwang handle und dabei denke, ich will das tun, dann ist das ein fortgeschritteneres Stadium der psychischen Fehlstellung. Wenn ich zwar das zwanghafte Verhalten habe, mir diese zwanghafte Verhaltensweise aber nicht erkennbar ist und ich tatsächlich denke, dass ich diese Handlung tun will, nennt man das in der Psychologie Persönlichkeitsstörung. Der kranke Mensch hat sich so mit dem Verhaltensfehler identifiziert, dass er glaubt, das sei sein freier Wille.
    Die Gehirnforschung hat darauf hingewiesen, dass Handlungspotentiale im Gehirn früher ausgelöst werden als die Großhirnrinde, der Sitz des bewussten Willens, die bewusste Entscheidung trifft. Gleichwohl ist der Mensch der Meinung, er habe die Handlung aus freiem Willen ausgeführt, was eine Selbsttäuschung ist. Die Wissenschaft leitet aus diesem Umstand den Schluss ab, dass der Mensch keinen freien Willen hat und stattdessen determiniert ist. Tatsächlich jedoch werden die Handlungen des Menschen aus dem emotional-intuitiven Bereich gesteuert, wie fortgeschrittene Hirnforschungen bereits zeigen.
    In diesem Bereich des Fühlens ist der Platz der Authentizität. Es ist das Fühlen, welches diese Entscheidungshoheit hat, nicht das Denken. Da wir im Westen uns jedoch extrem stark mit dem Denken identifizieren und da auch unseren freien Willen verorten, der dann auf Willkür, Freiheit oder im idealsten Falle auf Vernunft beruht, können wir den eigentlichen wahren Zusammenhang nicht sehen und sind demzufolge auch von unserer Authentizität abgeschnitten. Stattdessen bewegen wir uns in einem strategischen Selbst.
    Als ich heute Morgen unter der Dusche stand, hatte ich nicht das Bedürfnis, laut zu singen. Ich hatte das die letzten Tage gemacht und dabei gespürt, dass es mir Energie gibt. Aber wenn ich es heute Morgen getan hätte, wäre es nur eine strategische Handlung gewesen, um mehr Energie zu bekommen. Tatsächlich fühlte ich, dass es heute nicht dran ist und so habe ich es gelassen. Dies ist nur ein kleines Beispiel. Authentizität reicht in der Folge weiter bis in eine konsequente Selbsterforschung.
    Es entstehen Handlungsimpulse aus unserem inneren Wesenskern, diese manifestieren sich, wenn wir nicht strategisch-mental gesteuert sind. Das Denken schnappt sich diese Impulse und eignet sie sich an, indem es sich mit ihnen identifiziert. Dies geschieht innerhalb von Bruchteilen von Sekunden und es erweckt den Anschein: „Ich habe das gewollt.“ Das Ich-Zentrum ist eine Funktion, die immer darauf hinausläuft, aus dem, was vorhanden ist, eine Identität zu bilden. Es werden gleichsam Phänomene eingesammelt, angeeignet und als Ich deklariert. Es ist eine synthetisierende Kraft. Dieses Ich eignet sich die Handlung an und proklamiert sie als freien Willen.
    Tatsächlich gibt es Freiheit und Wille, jedoch nicht als strategische. Sie gehören genuin ganz und gar dem Bereich des authentischen Selbst an.
    Um zu diesem authentischen Selbst zu gelangen, ist es notwendig, sehr ehrlich mit sich und mit anderen zu sein. Zum Beispiel: Will ich jetzt beten? Oder will ich Wasser trinken?
    Es geht erstmal um das Erkennen, was ist. Viele Leute sagen: „Ich bin authentisch, wenn ich ganz bin. In meiner Ganzheit bin ich authentisch.“ Aber das ist Ideologie. Wenn ich tatsächlich ganz bin, bin ich in dieser Ganzheit authentisch. Aber wenn ich gebrochen bin, bin ich in dieser Gebrochenheit authentisch. Die Energie zum Wachstum erwächst aus dieser Authentizität. Es ist egal, ob das gut oder schlecht in irgendeinem Glaubenssystem ist. Ein Glaubenssystem wäre zum Beispiel: „Ganzheit ist gut. Gebrochenheit ist schlecht.“ Meine Bewegung hin zum Ganzsein kommt durch das Erkennen, dass ich ein zerbrochener Mensch bin.
    Hier ist die Authentizität keine strategische Haltung mehr, keine Kopfgeburt oder gewollte, zwanghafte Vorstellung. Hier ist das Ende von Bewertung und Gut-Schlecht-Urteilen. Hier ist das Erkennen, was ist und wer wir sind. In dieser ehrlichen Selbsterforschung und Selbstannahme ist die Energie enthalten, die Wachstum und Entwicklung ermöglicht. Jede Leugnung trennt uns von dieser Energie ab und macht uns tot.
    Wir sind in unserem Grunde emotionale Wesen. Das Denken kann diesen Bereich nicht ergründen oder begreifen. Wir dürfen aber vertrauen, dass diese inneren Impulse uns nicht schaden oder in die Irre führen. Es ist nur so schwierig, diesen Impulsen zu folgen, weil es bedeutet, die Kontrolle aufzugeben. Wir können nicht immer zuverlässig wissen, was als nächstes passiert, was wir als nächstes tun bzw. wann wir es tun.
    Richtiges Denken ist: Zunächst sind wir nur die Beobachter dieser Impulse, die aus unserer Tiefe aufsteigen und sich in einer Handlung manifestieren. Das Denken folgt diesen Manifestationen und ordnet sie im Verstehen. Das Denken sucht die Muster, Unterschiede, Identitäten und Ähnlichkeiten, um daraus Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Logik ist das, was man aus Erfahrung erwartet. Das ist einfaches Denken. Philosophisches Denken im Unterschied dazu denkt sich selbst und erkennt die Muster im Denken. Dadurch wird es möglich, sich mittels Denken selbst vom Denken zu desidentifizieren.
    Realer Lebensvollzug hingegen bedeutet, sich garnicht erst mit dem Denken zu identifizieren, sondern zu fühlen und der Energie zu folgen. Authentische Handlungen sind immer energetisch. Sie geben Energie. Sie stärken. Sie sind die Handlungen, die wir wirklich tun wollen. Sie sind die wirklich freien Handlungen, weil sie unserer aktualen und momentanen inneren Wahrheit entsprechen, wie immer die auch aussehen mag. Es gibt kein vorgegebenes Bild, keine Vorschrift, keine Regel. Alles ist vollständig individuell und original. Im Grunde ist es der göttliche Impuls oder der Lebensimpuls.
    Authentizität bedeutet demzufolge, sich selbst zu erkennen und der zu sein, der ich bin. „Ich bin, der ich bin“, sagte die Stimme im Dornbusch zu Moses. Dies ist die radikale Selbstidentität. Diese ist jedoch keine monistische ununterschiedene Identität und auch keine geregelte, moralistische, sondern eine vielfältige, dialektische, zusammengesetzte Einheit. Diese Art der Einheit in der Verschiedenheit ist mit unserer weltliche Logik nicht zu denken, denn sie folgt nicht den materiellen Gesetzen von Raum und Zeit. Sie ist eine non-lokale und zeitlose Logik der Qualitäten, in der Einheit und Verschiedenheit gleichzeitig existieren.
    Die Impulse manifestieren sich spontan aus unserem emotio-intuitiven Zentrum, aus unserem Herzen. Und das umso besser, je mehr wir die mentalen Panzerungen und Leugnungsstrategien abgebaut haben. Dieser Abbau ist die psycho-spirituelle Heilungs- und Genesungsarbeit, die notwendig ist, um unsere alten emotionalen Wunden zu heilen und den Fluss der emotionalen Energie wieder in Gang zu bringen. Diese Heilung muss emotional geschehen, um das Vertrauen in das Leben und die Liebe zu mir selbst wiederzufinden.
    „Wir überprüften unser Leben und fanden heraus, wer wir wirklich sind. Wirklich demütig zu sein, bedeutet, uns zu akzeptieren und ehrlich zu versuchen, wir selbst zu sein. Wir sind weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Wir sind Leute mit Stärken und Schwächen. Aber vor allen Dingen sind wir Menschen.“ (NA-Basictext, S. 45)
    „Indem wir uns so annehmen, wie wir wirklich sind, erlangen wir die Freiheit, diejenigen zu werden, die wir sein möchten.“ (NA-Nur für heute, S. 284)

  • Ich bin, der ich bin

    Wir sind deshalb nicht okay, wie wir sind, weil wir nicht die sind, die wir sind.

    In den weltgeschichtlichen Daseinslagen der menschlichen Gemeinschaft wurde bisher die doppelte Reflexion des menschlichen Bewusstseins nicht richtig verstanden. Der Mensch ist ein Ich-Mich, oder ein Ich-Mir. Er kann sich selbst erkennen, sehen, beschreiben. Er kann sich selbst zum Objekt seiner Wahrnehmung, Erkenntnis und Handlung machen. Dies ist eine merkwürdige Sonderform, wenn das Subjekt zum Objekt wird. Wenn also das Objekt meiner Erkenntnis ich selbst bin.
    Dieses Verhältnis von Subjekt und Objekt, das in eins fällt, wurde bisher nicht sauber verstanden. Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht nur ein derartiges Subjekt gibt, sondern unzählige. Ich kann also auch das andere Subjekt, mein Gegen-Über, den anderen Unter-Worfenen (subjectum), als Subjekt-Objekt wahrnehmen, bzw. muss es, wenn ich in der Realität sein will.

    Indem ich der bin, der ich bin, bin ich so, wie Gott mich geschaffen hat.

    Es geht um die Auflösung des Widerspruchs von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, der aus der Multiplizität der Subjekte entspringt. Der Mensch hat die Fähigkeit, nicht sich zu sein, sondern statt dessen irgendeine Rolle zu spielen, die nicht authentisch ist. Ich kann nicht der sein, der ich bin, weil mir irgendwelche Leute suggeriert haben, dass ich so, wie ich bin, nicht okay bin. Ich bin nicht gut genug, ich soll so sein, wie diese Leute sich das vorstellen und es gerne hätten. Irgendwann in der frühen Geschichte der Menschheit fing das an, durch die Entstehung der Religionen und der Absonderung Einzelner aus dem Stammesverbund, um ihre Individualität zu suchen. Es war wohl eine zwangsläufige Entwicklung. Es geht nicht darum, wieder zum Stammesbewusstsein zurückzukehren, jedenfalls nicht undialektisch und folkloristisch. Das Ich entstand, das Subjekt erkannte sich selbst. Aber es merkte, dass es so, wie es ist, nicht richtig ist, weil es nicht der war, der es ist. Es entstand ja erst, und vorher war der Einzelne primär Teil des Kollektivs, auf Gedeih und Verderb der Sippe einverleibt. D.h. nur in der Sippe konnte der Einzelne gedeihen, und die Sippe konnte auch sein Verderben sein. Das Subjekt setzte sich ab, ans Ufer, heraus aus dem Strom des kollektiven Lebens, um zu meditieren und zu reflektieren (vgl. P. Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern). Der Mensch war nicht mehr mimetischer Bestandteil des Ganzen, er war nicht mehr integral, er machte sich nicht mehr ähnlich, um im großen Fluss mitzufließen, sondern erkannte den Unterschied zwischen sich (Subjekt) und der Außenwelt (Objekt) (vlg. hierzu Walter Benjamin: über das mimetische Vermögen).
    Aber hier setzte auch die Verwirrung ein. Er selbst war nun gleichzeitig Subjekt und Objekt. Und andere Subjekte außerhalb seiner selbst waren ebenfalls sowohl Subjekte als auch Objekte. Die allgemeine Tendenz ging deshalb in den letzten 2500 Jahren dahin, alles zu objektivieren, alles als Objekt zu sehen. Das war der Triumphzug der Wissenschaft, die ja per definitionem alles objektiviert. Der Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt vertiefte sich. Die Subjekte wurden zu Objekten gemacht, zu Gegenständen, die ausbeutbar und beherrschbar waren. Man machte sich sogar selbst zum Objekt. Kurz: Das Subjekt war nicht sich selbst.
    Von daher war die Anmutung: „wir sind nicht okay, so wie wir sind“ richtig. Aber nicht im einfachen Sinne, das meine Wahrheit nicht okay ist, sondern in dem Sinne, dass ich nicht in meiner Wahrheit war. Wir waren nicht die, die wir wirklich sind. Und das ist es, was den Drang zur Veränderung, zur Veredelung und zum „Aufstieg des Ich“ motivierte.
    Das Schwierige an dem ganzen Sachverhalt ist, diese doppelte Reflexivität zu fühlen und zu verstehen: dieses Ich-Mich. Einfache Refexion ist das bewusste Wahrnehmen eines Objekts: „Das ist ein Tisch.“ Doppelte Reflexion ist die Selbstwahrnehmung: „Ich erkenne mich.“ Eines der dramatischsten Ich-Michs ist: „Ich bringe mich um.“ Eines der schönsten Ich-Michs ist „Ich spüre mich.“ Eines der schwierigsten: „Ich liebe mich.“
    In diesem Sinn ist der Satz „Ich bin, der ich bin“ zu verstehen. Ein befreiter Mensch ist in der Lage, sich selbst zu sein. Es ist ein berühmter Satz. Er wurde von der Stimme im brennenden Dornbusch gesprochen, auf die Frage von Moses: „Wer bist du?“
    Das ist der Auftrag nun, für das neue Zeitalter. Es geht nun für jeden Einzelnen darum, der zu sein, der er ist. Es geht um die ontologische Feststellung der unreduzierbaren Individualität jedes einzelnen Menschen (und jedes einzelnen Lebenwesens bis hin zum Käfer oder zur Flechte). Jeder Einzelne geht als unreduzierbare, nicht abstrahierbare oder generalisierbare Subjektivität, Individualität und Qualität in die Betrachtung ein (vgl. hierzu die wegweisende Arbeit von Gotthard Günther: Das Bewusstsein der Maschinen). Das ist die n-wertige Logik. Das ist qualitative Mathematik, denn „n“ ist in der Mathematik die Menge der natürlichen Zahlen.

    Die schmerzhafteste Dynamik in dieser doppelten Subjektivität ist, sich von sich selbst abzuspalten. Etwas, mit dem wir anscheinend in unsere Subjektivität hineingeboren wurden. „Wir haben uns nicht. Deshalb werden wir erst.“ (Ernst Bloch) Wir sind immer schon von uns selbst entfremdet, den das Subjekt entstand aus einer Wegbewegung vom mimetischen Ganzen, aus einer schmerzhaften Erfahrung des Nicht-dazu-Gehörens. Das war der Preis, um uns selbst zu finden. Es war überhaupt kein Finden, denn das Ich existierte bis dahin nicht. Es war eine Geburt, also das Entstehen von etwas ganz Neuem. Und es ist heute noch für jeden Einzelnen eine Geburt. Die zweite Geburt nach der ersten, der physischen.

    „Ich bin, der ich bin“ war über 2500 Jahre nur Gott möglich gewesen. Wir Menschen waren nicht die, die wir wirklich sind. Wir wussten nicht, wer wir waren. Der schmerzliche Widerspruch zwischen Subjekt und Gegen-Subjekt, zwischen Ich und Du – in der Grammatik vielsagend 1. und 2. Person Singular genannt – spannte sich auch noch auf ein anderes Subjekt aus: Gott. Auch hier herrscht Verunsicherung: Ist Gott ein Subjekt oder nicht? Und wenn ja: Ist er ein von mir verschiedenes Subjekt?

    Das Erlösende und die Heilung vom Schmerz ist die Annahme und das Verständnis Gottes als unser Schöpfer. Der nagende Gedanke, getrennt zu sein und nicht okay zu sein, ist im Grunde dieses Nicht-ich-Sein. Der Widerspruch zwischen Subjekt und Gegen-Subjekt, zwischen Unterworfenem (subjectum) und Gegen-Über, ist nur auflösbar in der dritten Instanz, in dem gefühlten Verstehen, dass wir so, wie wir sind, von Gott gewollt sind.

    „Die wirkliche Heilung beginnt damit, dass wir verstehen: Wenn uns unsere Höhere Macht so geschaffen hat, muss es okay sein, der Mensch zu sein, der wir sind.“ (NA-Meditation vom 28. Mai)