18.08.2010
Gesternabend war ich noch im Prenzlauer Berg und bin mal durch die Lychener Straße gelaufen. Sie liegt in der Nähe von der Schönefelder Allee, da wo auch die Pappelallee beginnt, an der U-Bahn-Haltestelle Eberswalderstraße der U2.
Im Sommer 1990 lebte ich mal für zwei Monate in der Lychener Straße 58. Das war also ganz kurz nach dem Fall der Mauer. Das Haus war ein völlig heruntergekommenes Gebäude in U-Form, der eine Flügel war schon wie eine Ruine. Es war einfach ein Teil abgebrochen und eine Hauswand fehlte komplett. Die Wohnung – in einem anderen U-Teil – war dennoch eine schöne, große Einzimmerwohnung, die damals, glaube ich, so ungefähr zwanzig Mark Miete im Monat kostete. Ein Freund hatte sie gemietet und war dann doch nicht dort, also nutzte ich die Wohnung.
Prenzlauer Berg, ehemals Ost-Berlin, war damals gerade erst von den aus dem Westen kommenden Punks und Freaks bevölkert worden. Es gab zahlreiche besetzte Häuser und ansonsten viel Leerstand, da die Häuser so kaputt waren. Es gab Wohnungen oder ehemalige Kneipen im Erdgeschoss, die von Freaks mit alten Sofas und Sesseln ausgestattet wurden. Alles war ziemlich trashig, bunt angemalt, mit Sperrmüllmöbeln ausgestattet, ganz einfach. Keiner hatte Geld, aber alle hatten viel Phantasie.
Auf den Straßen standen alte Schrottautos herum, die dort schon Monate oder Jahre zu stehen schienen. Die Fassaden waren vergammelt. Es waren Häuser, die einfach 40 Jahre abgewohnt worden waren, ohne jemals renoviert worden zu sein.

Punks, Freaks und Hippies hingen in den Straßen herum und es war wie in einem Dorf, in diesem Viertel zu leben. Man konnte in viele Häuser einfach so reinlaufen. Wir gingen bisweilen in ein Treppenhaus rein und ganz hoch und konnten dann über die Dächer auf die andere Seite des Block wechseln. Ist ja spannender als immer nur die Straße zu nehmen …
Es gab kaum Läden, und wenn, dann waren es so typische DDR-Läden mit tristen Auslagen und leeren Regalen. Die Schrippen (Brötchen) kosteten acht Pfennige, eine U-Bahn-Fahrkarte kostete 20 Pfennige. Die Straßen bestanden aus Kopfsteinplaster, die Gehwege aus breiten Granitplatten, die etwas schief und krumm da lagen, da der Zahn der Zeit doch an ihnen genagt hatte. Es war eine Mischung aus Weltuntergang und Aufbruchstimmung, ein nach dem Abzug der alten Mächte verlassener Ort, eine befreite Zone für die Outcasts der westlichen Gesellschaft.

Gestern bot sich mir ein anderen Bild: geleckte Läden einer nach dem anderen, dazwischen nette, beschauliche Lokale, in der sich brave junge Leute tummelten. Alles komplett domestiziert, alles sauber und adrett. (Leider keine Bilder, da es dunkel war.) Es war ein gewaltiger Kontrast für mich, jetzt, zwanzig Jahre später, wieder durch mein altes Viertel zu laufen. Die Straßen vollgeknallt mit parkenden Glitzer-Autos, die Häuser modernisiert. Heute ist der Prenzlauer Berg eine begehrte Wohnlage, immer noch ein Viertel, das in ist. Wiewohl die progressiven und alternativen Schichten mittlerweile abwandern. Das Viertel ist „abgefeiert“, wie eine meiner Autorinnen sagte, die schon 25 Jahre in Berlin wohnt.
Das Viertel wird immer wohlhabender, reicher. Es finden sich nun Läden für Klaviere und Flügel von Steinway, Innenarchitektur, Kunsthandwerk, dekadentem Nippes aus den Siebziger Jahren und alles, aus was der übersättigte Wohlstandsbürger noch einen neuen Kick machen kann.
Ich war wirklich traurig und fast geschockt. Dieser Kontrast schlug mir mit einer derartigen Wucht entgegen. Ich hatte direkt keine Lust mehr, in Berlin zu wohnen.
Aber das ist auch nur ein Viertel in Berlin. Es gibt so viele Kieze. Manchmal ist jede Straße anders. Ich fuhr im Bus zurück in den roten Wedding, wo ich nun wohne. Der Bus im Prenzlauer Berg war voll mit jungen Leuten vom Schlage StudentIn, und nur solche. Im Bus oder der Tram im Wedding begegnet man völlig anderen Menschen, vielen Migranten, ansonsten Berliner Proletariat. Die Soldiner Straße, wenige Meter von unserer Wohnung entfernt, ist einer der heißesten sozialen Brennpunkte in Berlin, wo die Polizei nur mit schusssicheren Westen reinfährt.


Gewaltdelikte sollen jedoch nur untereinander vorfallen, Diebstähle und Einbrüche können allerdings jeden treffen, wie mir von meiner Mitbewohnerin, die mal gute Kontakte zur Polizei hatte, glaubwürdig vermittelt wurde. Gerade am Wochenende wurde in der Wohnung unter uns eingebrochen. Haustüren müssen deshalb immer gut verschlossen bleiben. Eine Minute kann ausreichen und schon ist was geklaut.
Die Läden hier im Viertel sind fast alle türkisch, vor allem in der naheliegenden Prinzenallee, die wie eine türkische Stadt anmutet. Dazwischen gibt es auch mal arabische Schriftzeichen an den Schaufenstern. In der Badstraße, einer Hauptgeschäftsstraße des Wedding, findet man auch schon gediegen ausgestattete Versicherungsagenturshops oder Telefonläden mit komplett türkischem Außenauftritt. Nicht weit davon in einer Seitenstraße ist übrigens ein sehr gutes pakistanisch-indisches Speiselokal, das Shalimar in der Bellermannstraße. Völlig abgelegen vom Hauptstrom und unscheinbar, ist es ein Geheimtipp. Das Essen ist lecker und preiswert. Die Betreiber sind super nett. Ein kleiner Außensitzbereich zur Straße hin macht den Besuch in lauen Sommernächten zu einem richtig gemütlichen Abend. Dort traf ich übrigens vorgestern eine Frau, die mich vor 15 Jahren einmal in der Tattva-Redaktion besucht hatte. Sie ist die Übersetzerin der Bücher des Advaita-Lehrers Raffael aus Italien. Das war ein großes Hallo und wir speisten dann zusammen und unterhielten uns lange angeregt.
Gestern morgen traf ich dann gleich noch eine Bekannte in der Badstraße. Berlin hat zwar sechs Millionen Einwohner, aber trotzdem habe ich nun schon zweimal jemand Bekanntes auf der Straße getroffen …

Kommentar verfassen