Willkommen!

  • Peter Sloterdijk – Optimierung des Menschen?

    Rezension

    Peter Sloterdijk – Optimierung des Menschen?, Teleakademie, Quartino-Verlag, München 2009, DVD 45 min.

    Mir war es bis dato unbekannt, dass Philosophie derart unterhaltsam sein kann. Beim Anschauen dieses Vortrags, den Sloterdijk im Studium Generale in Tübingen vor einem gefüllten Hörsaal hielt, musste ich nicht selten schallend lachen ob der virtuosen und genialen Scharfzüngigkeit des Professors für Ästhetik und Philosophie.
    So spricht Sloterdijk etwa von den drei Elementen der menschlichen Anthropotechnik: der Prothetik, der Athletik und der Kosmetik und kommt zu dem Schluss, Menschenwürde und Gravitation bildeten einen Widerspruch. Dies bemerke man vor allem bei bestimmten Körperteilen, die mit zunehmendem Alter unangenehm auffallen bzw. abfallen. Hier sei die kosmetische Chirurgie gefragt, die heute auch unbefangen Anwendung finde, nachdem man den menschlichen Körper nicht mehr einfach so entgegennehmen möchte, wie er vom Schöpfer angeliefert wurde.
    Auch die Prothetik verdiene hohe Beachtung, sei doch in Form der künstlichen Zähne wie auch der Augengläser evident, dass eine Teilnahme an der menschlichen Kultur ohne diese Supplementierungen nicht vorstellbar sei. Der „neotenische Primatenfötus“, der der Mensch ist, könne ohne diese technischen und selbstbildnerischen Kunststücke schlechthin nicht der sein, der er ist. (Neotenie ist die Lehre von der Erhaltung fötaler Eigenschaften im erwachsenen Individuum.)
    Sloterdijk sagt, in der gegenwärtigen egalitären Ausrichtung der Glaubenssysteme ist es schwierig, den Menschen als ein Wesen zu beschreiben, das in einer „Vertikalspannung“ lebt, als jemand, der einem „Differenzstress“ ausgesetzt ist zwischen Sein und Werden-Können. Frühere Vorstellungen der Optimierung des Menschen, die vom Adel gehalten wurden, sind durch das Bürgertum bekämpft und als ungültig erklärt worden, wenn auch in Form des „Adels des Geistes“ – so ein Buch von Thomas Mann – die Idee durchaus weitergetragen wurde.
    Die Vertikalspannungen erleben im Laufe der Kulturentwicklung eine Verflachung, ohne deswegen verzichtbar geworden zu sein. Waren es früher metaphysische und transzendente Pole, an denen sich der Aufstieg des Menschen messen ließ, sind es heute profanere Gefilde, die zugleich flacher als auch breiter angelegt sind, allem voran in der allgemeinen Bildung.
    In diesem Sinne ist der bei seiner ersten Verwendung durch Sloterdijk viel gescholtene Begriff der Anthropotechnik (1997) garnicht so verkehrt. Schon bei Pico della Mirandola 1480 findet man die „frühhumanistische Autoplastik“ des Menschen, der sich selber bildet.
    Spannend ist das Ende der Rede, wo Sloterdijk einen anthropophilosophischen Ausblick gibt. Er unterscheidet drei Kulturepochen: die animistische, die personalistische und die kybernetische. Die personalistische Epoche des Humanismus wird nun abgelöst vom Maschinenzeitalter. Sloterdijk erwähnt es in dem Vortrag mit keinem Wort, aber hier sei nochmal der Hinweis auf das epochemachende Werk von Gotthard Günther: „Das Bewusstsein der Maschinen“ gegeben, das Sloterdijk nachweislich rezipiert und hervorragend verstanden hat. Man erlaube mir auch den bescheidenen Verweis auf meinen eigenen Aufsatz zu diesem Buch in Tattva Viveka 17 (2002, hier online). Die Erfindung der kybernetischen Maschinen fordert vom Menschen, „um eine psycho-historische Dimension komplexer zu denken als ihre hochkulturellen Vorgänger.“ So lautet das Schlusswort des Vortrags: „Die höhere Vermittlung kann nur noch von der maschinistischen Moderne her geleistet werden. Sie muss sich als die größere menschliche Kraft erklären. Man muss Kybernetiker werden, um Humanist bleiben zu können. Von einer technohumanen Kultur, die mehr als eine erfolgreiche Barbarei sein will, werden vor allem zwei Dinge verlangt: psychologische Bildung und kulturelle Übersetzungsfähigkeit. Die Mathematiker müssen Poeten werden, die Kybernetiker Religionsphilosophen, die Ärzte Komponisten, die Informatiker Schamanen. Aber war Humanität je etwas anderes als die Kunst, Übergänge zu schaffen?“
    Mit diesen furiosen und zugleich kryptischen Worten leitet Sloterdijk zum „Dritten Zeitalter des Seelischen, den kybernetischen und maschinistischen Denkformen“ über. Dass es Sloterdijk nicht um eine Verherrlichung oder Verunglimpfung der Technik geht, mag aus diesen Worten hervorgehen. Er beschreibt einfach die Gegebenheit. Eine menschliche Selbsterkenntnis auf der Höhe der Zeit kann keine agrokulturelle Romantik sein. Wir Menschen müssen uns der Realität unserer maschinellen Techniken stellen. Nur aus diesen Denkformen ist eine moderne humane Kultur zu erwarten, also keine „erfolgreiche Barbarei“ – die ohne Zweifel auch dabei herauskommen kann – , sondern eine globale und transzendenzoffene Weltkultur der Anthropologie und der menschlichen Disziplinen zur Optimierung des menschlichen Geschicks. Inwiefern es dann dem Informatiker obläge, der Schamane zu sein, mag der geneigte Leser nun selbst herausfinden.

  • Gottes Gericht

    Wahrscheinlich haben wir noch nicht einmal das Recht, alles zu wissen und immer Recht zu haben.

    Wir Menschen neigen dazu, auf alles eine Antwort zu haben. Das bedeutet, dass wir eher lügen als unsere Unwissenheit zugeben. Es ist uns wichtiger, überhaupt eine Antwort zu haben, auch wenn sie falsch ist, als es offen zu lassen und zu sagen: „Ich weiß es nicht.“
    Dies ist der Wunsch, alles zu wissen und auf alles eine Antwort zu haben. Wir wollen immer Recht haben. Das ist unser Anspruch auf Kontrolle, auf Herrschaft. Wir wollen verstehen, aber indem wir unser Nicht-Verstehen nicht zugeben, wird das Verstehen zu einem Herrschaftsinstrument, zu einer Kontrollillusion.
    Es ist menschlich, eine Antwort auf die offenen Fragen zu suchen. Aber wir haben kein Recht darauf, alles zu wissen.
    Am gefährlichsten sind die Menschen, die auf alles eine Antwort haben. Das sind die Täuscher, die Dogmatiker. Für sie wird der Nicht-Wissende, der Fragende schnell zum Feind. Sie können keine Unvollkommenheit tolerieren. Schwäche ist ihnen ein Greul.

    Wir wollen immer Recht haben. Aber das Recht gehört uns nicht. Das Recht gehört Gott. Deshalb heißt es „der Tag des jüngsten Gerichts“. Was immer wir Menschen uns an Erklärungen und Rationalisierungen zusammendichten – sie werden von der Wirklichkeit Lügen gestraft werden. Das Gericht wird kommen, aber wir werden dieses Urteil nicht sprechen. Das wird von Gott gesprochen. (Gott = Höhere Macht, Großer Geist, das Göttliche, Göttin, kosmische Weisheit, das Eine etc.)

    Gott ist der Richter, der Richtende, der der die Richtung gibt. Es gibt ein Gericht, ja. Aber das halten nicht wir Menschen ab. Das ist die Anmaßung. Wir Menschen wollen Gott sein, und wollen richten. Daraus entsteht das ganze Leiden der Welt. Wir haben kein Vertrauen in die Weisheit Gottes, in seine Liebe und Fürsorge. Einige Menschen haben ihn zu einem strafenden Gott stilisiert, um ihre eigenen Machtinteressen zu erfüllen. Sie regierten mit Angst und Schuld, mit Schrecken und Scham „im Namen Gottes“.

    Aber Gott ist liebend und fürsorglich. Du bist ein Kind Gottes. Er hat dich so gewollt, wie du bist.

    Die Handlungsketten, die wir Menschen auslösen, unterliegen dem Gericht Gottes. Selbst mit all unserer Kraft können wir gegen dieses Gericht nicht ankommen. Wir können es hinauszögern. Aber wir wissen ja schon: „Gottes Mühlen mahlen langsam.“ Gott hat zwei Geschwindigkeiten: langsam und ganz langsam. Auch über die Geschwindigkeit haben wir keine Kontrolle. Das Ergebnis wird kommen, und es wird von Gott gegeben. Deshalb diese Rede von der Gottesfurcht. Es bedeutet nicht: habe Angst. Es bedeutet, achtsam zu sein und Gottes Weisheit zu ehren. Ich glaube, selbst Gott hat keinen Einfluss auf das Karma, also die kosmischen Gesetze, die mit einer gewissen Zwangsläufigkeit ablaufen. 1+1=2, das ist halt so.

    Indem wir uns der Führung Gottes anvertrauen, seinem Willen, haben wir die kosmische Weisheit und die kosmischen Gesetze auf unserer Seite. Das ist das Beste, was uns geschehen kann.

  • Ökologischer Unsinn

    Das renommierte Handelsblatt hat in seinem Online-Chefredakteur Sven Scheffler einen renommierten Fürsprecher für die ökologische Vernunft bekommen.

    Seine Analyse der Abwrackprämie bringt auf dem Punkt, was einigen Menschen schon länger klar ist: Das war ein Strohfeuer.

    Nicht nur dass die Automobil-Industrie für 2010 einen katastrophalen Einbruch prognostiziert. Handelsblatt Online:

    Die Öko-Bilanz der Neuwagenhausse ist eindeutig negativ, wie das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie schon 2007 berechnete. Kauft jemand alles 6 Jahre einen Neuwagen, dann schlagen die Produktionsemissionen stärker zu Buche als der etwas betagte Altwagen mit höheren Treibstoffemissionen.

    Zitat aus dem Blog von Sven Scheffler:

    „Ökonomisch wie ökologisch macht das leider keinen Sinn. Wunschdenken und Realität liegen auch hier weit auseinander. Denn neue Autos wachsen nicht CO2-neutral auf den Bäumen. Dem Weltklima ist es schließlich egal, ob CO2 durch einen Autoauspuff oder einen Fabrikschornstein in die Atmosphäre gelangt.

    Das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie nahm im April 2007 vier unterschiedliche Fahrzeuge unter die Lupe: den Seat Ibiza, die S-Klasse von Mercedes-Benz und den VW Lupo. Das Ergebnis: Beim Ibiza entfallen 20 Prozent des Gesamtenergiebedarfs auf die Herstellung, beim Golf sind es 22 Prozent, bei der S-Klasse 27 Prozent, beim VW Lupo sogar 30 Prozent. In CO2 umgerechnet bedeutet das: Ein Kleinwagen kostet etwa 18 Tonnen CO2 in der Produktion, ein Mittelklassewagen etwa 22 Tonnen. Interessante Lektüre des Wuppertal-Instituts.

    Was bedeutet das für die Gesamtumweltbilanz?

    Eine kleine Rechnung:

    Variante 1

    Seit 1966 nur 1 Wagen
    Mercedes, Baujahr 1966, 15.000 km/Jahr mit einem Durchschnittsverbrauch von 9 Liter/100km:

    Ökobilanz: 645.000 Kilometer mit einem Verbrauch von 58050 Liter führen zu einer CO2-Belastung von 153,25 Tonnen CO2. Hinzu kommen 22 Tonnen Co2-Ausstoß, die bei der Produktion entstanden sind.

    Gesamtökobilanz = 175,25 Tonnen CO2

    Variante 2

    Seit 1966 alle 6 Jahre einen Neuwagen (15.000 km/Jahr), dessen Verbrauch schrittweise von 9 Liter/100km auf 5,5 Liter/km sinkt.

    CO2 durch Produktion von 7 Autos: 108 Tonnen.
    (Der CO2-Ausstoß durch die Produktion wird mit 18 Tonnen (Kleinwagen) angesetzt. Sprich mehr als ein VW Polo ist damit nicht abgedeckt.)

    CO2 durch Fahrleistung: Bei 645.000 Kilometer mit einem Verbrauch von 43575 Litern werden 115 Tonnen CO2 in die Atmosphäre gestoßen.

    Gesamtökobilanz: 223 Tonnen CO2″

    Quelle: Handelsblatt online, Blog „Freiheit 360°“
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    Ein Kommentar zu dem Blog bringt noch mehr Probleme zu Tage:

    „In der Vergleichsrechnung ist ebenfalls nicht berücksichtigt, dass die fünf Altwagen auch wieder entsorgt werden müssen, was vermutlich ebenfalls nicht CO2-neutral erfolgen kann.

    Darüber hinaus würde ich gerne wissen, was sich alles (nicht) hinter der Gesamtsumme von 18 oder 22 Tonnen CO2 als Ausstoß der Produktion eines PKW versteckt: auch die Gewinnung der für die Herstellung notwendigen Rohstoffe, wie Aluminium? Auch ihr Transport von der Fundstätte in die Raffinerie? Ihre Aufbereitung bis zur Industriequalität? Ihr Weitertransport bis in Werk? Die Produktion der dafür notwendigen LKWs, inklusive Rohstoffen von der Gewinnung bis zur Verarbeitung? Und der zusätzlich erforderlichen Fabriken für eine versechsfachte PKW-Produktion? Der dafür erforderliche Flächeneinsatz?“

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    Mich wunderte es schon die ganze Zeit, warum hier so kurzsichtig gedacht wird. Das Ganze war nur ein Strohfeuer des Wahnsinns. So wie viele Maßnahmen der Politik und Wirtschaft.

    Ich jedenfalls fahre meinen VW Passat, Baujahr 1992, immer noch mit großem Vergnügen. Die Reparaturen sind übersichtlich. Die Mechanik funktioniert ohne elektronischen Schnickschnack.

  • Willkommen!

    Guten Tag,

    das ist mein erster Blog. Willkommen in der Welt der grenzenlosen Information.

    Ich bin der Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Tattva Viveka. Forum für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur. Ich studierte Germanistik und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Es folgte eine Ausbildung zum Verleger im linken Verlag Neue Kritik in Frankfurt/Main. Seit 1994 publiziere ich die Tattva Viveka. Dieses Jahr war also das 15jährige Jubiläum. Die Zeitschrift findet Ihr unter www.tattva.de.

    Meine Interessen liegen vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften und der Spiritualität, nicht ohne die Zusammenhänge zu Politik und Gesellschaft aus den Augen verlieren zu wollen. Was ist der Sinn des Lebens? könnte ich – etwas pathetisch – mein Interesse formulieren. Ich möchte glücklich sein und Wissen erlangen. Wenn mein Leben nützlich ist und ich Möglichkeiten finde, wirksam zu sein, betrachte ich mein Leben als Erfolg.

    Der weitaus größte Anteil an Leiden machen wir uns selbst. Dies aber weise zu unterscheiden von dem objektiven Leid, dass durch die sozialen und politischen Verhältnisse bzw. durch entsprechende Personen verursacht wird, halte ich für wichtig.

    Subjektives und objektives Leid existieren. Subjektives Leid können wir ändern, indem wir uns ändern. Objektives Leid können wir ändern, indem wir die Welt ändern.

    Wenn unsere Erwartungen an die Welt Leid verursachen, können wir unsere Erwartungen ändern, oder wir können die Welt ändern. Meine Schätzung derzeit ist, dass 95% des Leids aus falschen Erwartungen kommt. Die Welt ist wie sie ist. Das Leben zu seinen Bedingungen annehmen, führt zu einen realistischen Sinn für das Leben und erspart uns vieles an Leiden.

    Wie ist die Welt? Sind die bestehenden Verhältnisse zu verbessern? Oder haben wir schon die beste aller möglichen Welten, wie der Philosoph Leibniz im 17. Jh. schon nach tiefer metaphyischer Erwägung schlussfolgerte.

    Um dies zu erkennen und zu verstehen, bedarf es dem Heraustreten aus der ideologischen Sicht. Ideologie ist der Schleier, die Illusion, die aus heimlichen egoistischen Motiven geboren wird. Die Verheimlichung führt zu Projektionen und Schattenbildungen. Einfache direkte Wahrheiten werden verklausuliert und rationalisiert. Der Mensch geht in die Bewertung. Zum Beispiel schäme ich mich, etwas über mich zu sagen. Weil ich mir aber diese Scham nicht eingestehen will, bewerte ich die anderen Menschen negativ, indem ich sage, die kapieren das ohnehin nicht, sie sind zu dumm, zu grob, zu desinteressiert, ihnen fehlt das Fassungsvermögen oder die Sensibilität usw. usw. So wird unser Geist zum Anästhetikum, zur Betäubungspille, um unsere Wahrheit der Scham nicht zugeben zu müssen. Daraus entstehen endlose Leiden, in Form von Isolation, Entfremdung, Groll, bis hin zur Gewalt.

    Das Gegenmittel gegen diese Krankheit ist die Ehrlichkeit. Sie bringt uns wieder mit unseren Nächsten in Kontakt, in Berührung. Erst dann kann die Lebensenergie wieder fließen. Menschen brauchen Menschen. Der Mensch ist des Menschen Medizin (afrikanisches Sprichwort).

    Noch ein schönes Sprichwort:

    Arbeite, als würdest Du das Geld nicht brauchen.
    Liebe, als seiest Du niemals verletzt worden.
    Tanze, als würde Dir niemand dabei zusehen.
    Singe, als würde Dir niemand dabei zuhören.
    Lebe als wäre es der Himmel auf Erden.

    Ich füge hinzu: Schreibe als ob es niemand lesen würde.

    In diesem Sinne wünsche ich mir viele Leser (grins).

    Ronald Engert