Seit einiger Zeit bin ich dabei, auf meiner Straßenseite aufzuräumen. Dazu gehört es, mich selbst auf meine Mängel hin zu untersuchen. Gibt es Anteile in meinem Charakter, die nicht in Ordnung sind? Habe ich Fehler gemacht? Dabei wird mir klar, je mehr ich meine Charakterfehler erkenne, umso mehr erkenne ich auch, wie ich anderen Menschen Schaden zugefügt habe. Opferhaltung, reaktives Verhalten, der Anspruch, dass andere sich um mich kümmern, Erwartung von Zuwendung und Anerkennung – das sind alles meine co-abhängigen, infantilen Verhaltensweisen und Haltungen. Indem ich die Verantwortung für mein Leben übernehme, sehe ich erst, was wirklich passiert. Ich höre auf, andere zu beschuldigen.
Es ist bestürzend, wie wenig es gibt, was ich anderen anlasten kann, wenn ich aus der Opferhaltung heraus gehe. Jede scheinbar vernünftige Erklärung steht auf dem Prüfstand. Habe ich eine als Opferhaltung enttarnt und die darunter liegende Wahrheit anerkannt, kann die sich auch wieder als Leugnung meiner Verantwortung entlarven, und es geht noch tiefer. Ganz unten, auf der untersten Ebene, ist die Wahrheit, unter all den Bedeckungen. Dann ordnet sich die Erklärung der Welt neu. Und auch politische und gesellschaftliche Einschätzungen ändern sich.
Ich sah mich oft als Opfer, verdächtigte die Anderen böser Absichten. Aber nun sehe ich, dass ich selbst es war, der unnahbar und abweisend war. Es war mein Stolz und meine Arroganz, gepaart mit dem infantilen Anspruch, dass die Anderen sich um mich kümmern müssen – gleich einer Bringschuld –, der meine Beziehungen schwierig machte. Wenn ich all die Illusion abstreife und in der Wahrheit sehe, dann wird mir erst klar: All die Menschen wollten einfach in Kontakt mit mir sein, sie mochten mich. Aber ich konnte es oft nicht nehmen. Und ich konnte nicht aktiv Liebe geben.
Ich lerne zu erkennen, dass ich selbst es bin, der in Beziehung gehen kann und muss. Es ist meine Verantwortung und Aufgabe. Und je mehr ich auf meiner Seite bleibe und in meine Verantwortung gehe, umso weniger muss ich die anderen Menschen bewerten und verändern. Dies fällt vielmehr weg, und was bleibt, ist Mitgefühl und Liebe.

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