Autor: Ronald Engert

  • Tattva Viveka 45 Editorial

    Tattva Viveka 45
    Tattva Viveka 45 erscheint am 15. November 2010
    Liebe Leserinnen und Leser,

    in dieser Ausgabe finden Sie gleich vier Artikel, die sich aus verschiedenen Richtungen mit dem »Ich« beschäftigen.
    Das Ich ist berühmt und zugleich berüchtigt. Einerseits ist es das, was wir als unsere eigene Persönlichkeit betrachten, womit wir uns identifizieren und es ist das Wort, das wir benutzen, wenn wir uns selbst meinen. Andererseits gilt das Ich in vielen spirituellen Ansätzen geradezu als die Ursache des Leids. »Das getrennte Selbst ist die Ursache des Leidens«, sagen der Buddhismus und der monistische Vedanta und wollen uns erzählen, dass es das Ich nicht gibt. Sobald wir das erkannt hätten, gäbe es auch kein Leiden mehr.
    Nun hat aber gerade die westliche Kultur diese große Errungenschaft der Autonomie des Subjekts hervorgebracht. Kant hat uns aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geführt und uns zugerufen: »Sapere aude!« – »Wagt es, zu wissen!«
    Die integrale Philosophie spricht von sich entwickelnden Kulturstufen und weist darauf hin, dass es prä-egoische Kulturen gab, die rein kollektivistisch organisiert waren. Das einzelne Ich zählte nichts, der Mensch war Teil eines Kollektivs, eines Stammes, eines Volkes. Wir kennen diese Zeit noch sehr gut. Die großen politischen Strömungen des 20. Jh., der Nationalsozialismus und der Kommunismus, waren kollektivistische Strömungen, und die Religionen, wie Christentum und Islam, sind es ebenso.
    Gleichwohl hat der Westen mit der Entstehung des Bürgertums bereits im 17./18. Jh. die Autonomie des Subjekts, das Ich, eingeläutet.
    Heute kommt es nun zur vollen Blüte. Egoismus und Selbstbesessenheit sind nur die dunklen Seiten dieser Entwicklung. Die Autonomie des Ich hat auch ein enormes emanzipatives Potential. Wir werden zu mündigen Menschen, die für sich selbst Verantwortung zu übernehmen beginnen und aus den alten Schattenkämpfen langsam herauswachsen.
    Wir werden zu selbst-bewussten Individuen, zu einzigartigen Ganzheiten. Wir werden ganz, wir werden erwachsen, wir werden selbst-ständig. Wir stehen selbst, wir stehen für unsere individuelle Wahrheit ein. Wir lernen, den anderen, den Gegen-Über, zu respektieren und kommunikative Mittel und Wege zu finden, um Interessenskonflikte zu lösen.
    Nur in der Abgrenzung können wir Kontakt zum anderen finden und uns wirklich berühren. Wir treten aus den alten Abhängigkeitsmustern aus, indem wir zu uns selbst kommen, von der Ohnmacht erwachen.
    Das Ich/Nicht-Ich, richtig verstanden, ist der Montagepunkt, an dem sich die alten Widersprüche auflösen lassen. Das Ich wurde philosophisch und spirituell bis dato nicht korrekt integriert. Es wird Zeit, das wir Menschen ihm nun auf die Spur kommen. Schließlich geht es hier um uns selbst. Ich bin es, der mich erkennt. Wir sind alle »Ich-Michs«, selbstreflexive Wesen.

  • Tattva Viveka 45 in Arbeit

    Frieden, Gemeinschaft, Stefanie Blau,
    Ich denke Frieden, ich fühle Frieden, ich bin Frieden: das ist Stefanie von Schloss Glarisegg

    Hallo Leute,

    Die Themen in Tattva Viveka 45: auf FACEBOOK

    ich bin gerade sehr beschäftigt mit der Produktion der neuen Ausgabe, die am 1. November in Druck geht, also in 9 Tagen. Die großen Artikel sind alle bearbeitet und im Layout, auch schon im Layout korrekturgelesen – da finden sich immer noch Fehler und vor allem auch falsche Formatierungen oder irgendwas ist verrutscht usw. Dann muss man oft noch Bilder oder Bildunterschriften nachliefern und so manche Details richten. Aber dank meiner wunderbaren Layouterin Saleema, die die Grafik von La Palma aus macht (ein Lob dem Internet), klappt das alles ganz lässig. Sie ist sehr gut in der Bildrecherche und hat immer wieder gute Ideen. Das erleichtert mir die Arbeit sehr, da kann ich mich auch mal zurücklehnen und das machen lassen.
    Jetzt fehlen noch die Buchbesprechungen, die nur zum Teil fertig sind, schluck. Da muss ich mir noch was aus den Fingern saugen. Grins.
    Dafür habe ich heute einen neuen Text für den Blog geschrieben, der aber erst morgen oder die Tage online geht. Will ich noch etwas reifen lassen. Thema ist: »Was hat eine Million Euro mit Spiritualität zu tun?«

    Bis dahin könnt Ihr Euch mal die Inhalte der kommenden Tattva im Überblick anschauen, auf unserer Facebook-Fanseite. Wenn Ihr da noch nicht dabei seid – bitte klickt es an (auf die Gefällt mir-Schaltfläche klicken).

    Gruß Ronald Engert
    Chefredakteur

    Und hier geht’s zur Hauptseite: www.tattva.de

    Tattva-Viveka, Wissenschaft, Philosophie, Spiritualität
    Hier können Sie die Tattva Viveka bestellen

    Gemeinschaft:
    Für alle Menschen, die gerne mit anderen Menschen zusammen sind und am Thema Gemeinschaft interessiert sind, biete ich hier noch einen spannenden Event, wie er sicher so schnell nicht wieder kommt. Ich bin dabei!

    Schloss Glarisegg
    Schloss Glarisegg

    Schloss Glarisegg feiert am Samstag und Sonntag, den 23.-24.10.2010 ihr 7jähriges Bestehen mit einem großen Fest. Alle sind herzlich eingeladen! Schloss Glarisegg

  • Berlin Blog – Blick aufs Unbekannte

    Gestern habe ich zufällig eine Kunstausstellung (www.7-berlinerkunstsalon.com) entdeckt. Ich fuhr gerade von einer Konferenz nach Hause, war schon etwas müde. Es war Sonntag, 14h. Im Augenwinkel sah ich große alte Klinkerhallen links der Straße, zwischen denen Menschen liefen. „Hier ist was los“, dachte ich sofort und lenkte mein Auto an den Straßenrand, um zu parken. Es war die Landsberger Allee, Prenzlauer Berg/Friedrichshain, ehemaliger Osten.

    a.station Kunsthalle

    Was mich erwartete, war eine Kunstausstellung. Die Halle war riesig. Eintritt wäre 8€ gewesen, aber dank meines Presseausweises durfte ich umsonst rein. Echt praktisch sowas, und in Berlin kennen die Leute das. Ich hatte mittlerweile schon einige Male die Gelegenheit, gegen Presseausweis anstandslos freien Eintritt zu bekommen.

    Blick in die Halle

    Mit hohen Stellwänden waren die einzelnen Oeuvres unterteilt. Hoch ambitionierte Kunst allenthalben. Sehr vielfältige, ungewöhnliche Ideen, die vom klassischen Gemälde über Installationen und Videokunst bis zu Skulpturen reichte.
    Es war wieder mal erstaunlich, wie individuell jedes Oeuvre ist, wie eigen jeder Künstler und jede Künstlerin die Welt wahrnimmt und in Kunst umsetzt. Bei einigen musste ich mich natürlich wieder wundern, wie man mit sowas Zeit verschwenden kann. Drei großformatige Ölgemälde von platt gedrückten Coladosen in naturalistischer Malweise – wer braucht das? Eine Fleißarbeit, aber ansonsten sinnlos, ist meine Meinung.
    So gab es manches Schräge und Schrille. Meistens jedoch bestachen mich die Werke durch hohes handwerkliches Niveau, innovative Ideen und neuartige Wahrnehmungserlebnisse.
    Ich frage mich manchmal, was der Sinn dieser modernen Kunst ist. Und ich vermute, dass selbst die KünstlerInnen sich bisweilen dieser Sinnfrage einfach verwehren. Kunst muss keinen Sinn haben. Das ist ihr Sinn.

    Plakat der Ausstellung

    Ein wesentliches Merkmal guter Kunst ist meines Erachtens die Fähigkeit, beim Betrachter noch nie gesehene oder erlebte Wahrnehmungen auszulösen. Dies bricht die gewohnte Wahrnehmung auf, die die Wirklichkeit per Verstand und Kategorien schön schubladisiert, alles unter Kontrolle bringt, aber keine neuen Erfahrungen mehr ermöglicht. Die Wirklichkeit wird immer mehr gerastert und was in das Raster nicht hinein passt, sehen wir dann nicht mehr. Kunst provoziert diese Wahrnehmungsraster, wenn sie die Wahrnehmungsgewohnheit zerbricht und den Blick auf das Unbekannte freigibt. Gute Kunst ist es meines Erachtens dann, wenn sie diesen Blick aufs Unbekannte durch Virtuosität unterstützt und auf derbe und anstößige Darstellungen verzichten kann. Heutzutage gibt es ja viele Happenings, die mit Blut, Urin, Fäkalien und dergleichen arbeiten. Das sprengt zwar die moralischen Ketten, immerhin, aber es ist kein Ausblick auf konstruktive und lebensförderliche, im echten Sinne schöne Kunst.

    Eine sehr schöne Begegnung war in diesem Sinne die mit Bringfried-Johannes Pösger. Ein Mann im Alter von vielleicht 65 Jahren, der in seiner Person selbst ein Kunstwerk war. Er strahlte eine unglaubliche Reinheit aus. Ein Kunstwerk der Reinheit und Tugend, ohne dabei zwanghaft oder spießig zu wirken. Er trug einen naturfarbenen Leinenanzug aus schwerem Zwirn, gediegende Schuhe, Hemd und Schal. Die Haare kurz, Brille. Das hatte alles unglaublich Geschmack und war wohl auch nicht billig gewesen. Aber es war eine unaufdringliche Qualität, ein Meisterwerk an nicht selbstdarstellerischer sondern für sich selbst getragener Schönheit. Ja, das Wort Reinheit drängt sich mir auf, das viel geschmähte. Diese Reinheit war aber echt und authentisch und von daher Kunst. Sie strahlte keinen Druck und kein Werturteil aus. Es war eine neue Wahrnehmung. Seine Bilder hatten die Natur zum Thema – wie kann es anders sein? Natur ist das genuine Gegenstück zur Kultur, zur Kunst. Ein irres Spannungsverhältnis, das der Künstler auch in Worten thematisierte (siehe Zitate). Und er gibt auch philosophische Aphorismen heraus und hält Vorträge.
    Nun gut, ich ende hier mit dem Lob, nicht weil es erschöpft ist, sondern weil ich meine Leserinnen und Leser ebensowohl wie den Künstler selbst, sollte er dies lesen, nicht kompromittieren möchte.
    Was ich sagen will: In Berlin gibt es immer etwas zu entdecken. Und: Es gibt schöne Kunst.

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    Zitate von Bringfried-Johannes Pösger:

    Zur Natur:
    »Natur finden wir vor. Sie ist nicht abhängig von uns. Und sie braucht uns nicht. Wir können Natur nicht erschaffen. Die Natur hat daher ihrerseits erst einmal nichts mit Kunst zu tun. Sie mag unseren ästhetischen Ansprüchen genügen und wunderschön anzuschauen sein. Doch wäre es Unsinn, eine wild gewachsene Blüte als Kunstwerk zu bezeichnen. Kunst dagegen ist menschlich. Sie braucht uns Menschen. Sie ist abhängig von uns und ohne menschliches Zutun nicht möglich. Und doch ist es beim näheren Hinsehen stets nur der kleinere Teil dessen, was die Gesamtheit eines Kunstwerks ausmacht, den ein Künster dazu beitragen kann. Denn verändern und formen können wir nur, was wir vorfinden. Kein Mensch kann etwas aus dem Nichts erschaffen. Auch der Künstler ist davon nicht ausgenommen. Finden und Gestalten gehören zusammen. Das, was wir von Natur aus vorfinden, ist die unerlässliche Grundlage jeden Schaffens. Während die Natur weder von uns und schon garnicht von der Kunst abhängig ist, sind nicht nur die Kunst, sonder auch wir selbst grundsätzlich abhängig von ihr. Die Natur macht Leben, macht Menschen, macht Kunst erst möglich. Indem wir gestalten, widersetzen wir uns aber der Natur. Wir lassen sie nicht, wie sie ist. Wir ordnen uns ihr nicht unter. Doch tun wir im Grunde nur das, was das Leben seinerseits ganz natürlich von uns erwartet. Denn Leben ist Veränderung. Indem wir gestalten, leben wir.«

    Aphorismen:
    »Es kommt viel mehr auf neue Inhalte an als auf neue Formen.«
    »Alles alte Denken ist von Herrschaft geprägt.«
    »Positive Visionen zu kreieren braucht viel mehr Kreativität als negative Szenarien hochzurechnen.«
    »Zum Blick voran gehört der Kontakt nach innen.«
    »Kunst ist Luxus. Man braucht sie nicht. Das macht ihren Wert.«
    »Wer sich selbst nicht spüren kann, den kann man nicht berühren.«
    »Die Menschheit war noch nie erwachsen. Bisher gab es nur zu erwachsenen Leistungen dressierte Kinder.«

    Internet:
    http://lebenskunst-atelier.blogspot.com/
    http://www.lebenskunst-atelier.de/

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  • Theologie und Politik

    Walter Benjamin
    Theologisch-politisches Fragment

    Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, dass er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft. Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum ZieI gesetzt werden. Historisch Gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ordnung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufgebaut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen sondern allein einen religiösen Sinn. Die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben ist das größte Verdienst von Blochs „Geist der Utopie“. Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische ist eines der wesentlichen Lehrstücke der Geschichtsphilosophie. Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen lässt. Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messianischen Intensität, so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt errichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. – Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis. Diese zu erstreben, auch für diejenigen Stufen des Menschen, welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.

  • Berlin Blog – Rap und Religion

    19.09.2010

    Ja, ich war auch am Reichstag.

    »Urban word is a movement«

    Gestern, Samstag, war mal wieder ein höchst ereignisreicher Tag hier in Berlin. Es fing schon am Freitag an. Ich war nachmittags auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin im Haus der Kulturen der Welt im Regierungsviertel. Dort war eine Veranstaltung zu einer Buchneuerscheinung: Joe Conzo: »Born in the Bronx. Hip Hop – Die Geschichte einer urbanen Kultur«
    Dort traf ich jemanden vom Gangway e.V., einer Berliner Streetworker-Initative, und erfuhr etwas von Gangway-Beatz, einem Hip Hop-Projekt von Jugendlichen aus sozial problematischen Kiezen. Gerade machen sie einen Schüleraustausch, die »Berlin-Bronx-Connection« und es waren ca. 10 Jugendliche aus der Bronx da.
    Am Samstagmorgen dann las ich zufällig im Tagesspiegel, dass um 12h am Gesundbrunnen im Wedding, unweit meiner Wohnung, eine Führung durch das Viertel stattfinden sollte mit dem mysteriösen Titel: »Rap und Religion«.
    Wie es die Fügung wollte, besichtigten wir nicht nur eine Moschee und einen orientalischen Laden, sondern auch das Stadtteilbüro des Gangway e.V. und ich erfuhr von der am Abend geplanten CD-Release-Party des zweiten Gangway-Beatz Samplers.

    Gangway Beatz Vol. 2

    Schnell übers iPhone ins Internet fand ich den Veranstaltungsort und ging abends dort hin.
    Soweit die Zusammenfassung, jetzt nochmal von vorne etwas ausführlicher.

    Freitag, Internationale Literaturtage
    Joe Conzo, der Autor des Buches, ist Puertoricaner und in der Bronx aufgewachsen. Er ist Fotograf und begann bereit im Alter von 11 Jahren zu fotografieren. Born in the BronxEr gehörte zur »Community«, zu den schwarzen und farbigen Ghetto-Kids, die die ersten Schritte des Rap und Hip Hop einleiteten. Damals gab es keine Clubs oder Discotheken für diese Musik. Sie entstand auf der Straße, die Kids mieteten dann die Turnhallen ihrer Schulen, brachten zwei Plattenspieler und die Schallplatten ihrer Eltern, wie z.B. James Brown, R&B, Funk, Soul, Blues und machten daraus ihre eigene Musik. Conzo erzählte, sie hatten genug von Gewalt und Drogen und wollten was anderes. Sie sangen und tanzten, sie verwendeten die Schallplatten ihrer Eltern, indem sie sie scratchten oder einzelne Beats mit den zwei Plattenspielern in auditiven Collagen neu zusammenfügten. Die Breakbeats entstanden einfach so. Sie wussten damals nicht, was sie da ins Rollen brachten. Es war eine politische Bewegung, könnte man sagen. Die Leute sangen sich ihren Frust vom Herzen, sie suchten nach einer Identität, sie bildeten Gemeinschaften, sie waren kreativ.
    (Für weitergehende Information sei auf Wikipedia verwiesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hip_Hop)
    Hip Hop hielt sich über die Jahre, erfuhr eine Kommerzialisierung ohnegleichen, und selbst heute noch, nach 35 Jahren, gibt es die authentischen Roots, gibt es eine Bewegung von jungen Menschen, die nicht um des Geldes willen diese Musik machen, sondern weil es ihnen eine Herzensangelegenheit ist, weil sie dafür brennen.
    Soweit ich das überblicke, ist Hip Hop die zur Zeit einzige inhaltlich, sozial und politisch motivierte Musikform überhaupt. Sie ist die einzige lebende Musikform, die von der Straße, von den realen Lebensverhältnissen der Menschen kommt.
    In den sozialen Randbezirken Berlins, im Wedding, in Mahrzahn, in Neukölln, sind es vor allem die Kids aus Migrationsfamilien. An den Schulen sind bis zu 90% der Schülerinnen und Schüler Ausländer, die finanzielle und soziale Situation ist kritisch, die Zukunftaussichten sind hoffnungslos. Es ist verständlich, dass in einem solchen Umfeld die Frustration und die Gewalt zunehmen. Gangway e.V., eine Streetworker-Initiative, holt diese Jugendlichen ab und versucht, ihnen über die Musik einen neuen Lebensinhalt zu geben.

    CD-Release-Party
    Gestern Abend nun war die CD-Release-Party der zweiten Gangway-Beatz-Scheibe. Conzo war da, die Kids aus der Bronx und natürlich die Berliner Kids. Die Location ein echter Underground-Schuppen, der Tape Club in der Heidestraße 14.

    Tape Club

    Die meisten der Anwesenden waren wohl um die 20 oder jünger, einige Ältere gab es auch, vielleicht um die 30. Aber ich schätze mal, dass ich da so ziemlich der Älteste war. Ich höre Rap seit etwa 1982, als ich mal in Köln in einer Musikkneipe eine total ungewöhnliche, unglaublich treibende Musik mit puren Beats hörte und den DJ fragte, was in aller Welt das sei. Er schrieb es mir auf einen Zettel, weil ich es mir unmöglich merken konnte: Grandmaster Flash and the Furious Five. Jahre später waren sie richtig berühmt und sie gehören heute zu den Urvätern des Rap. Ein Freund hatte dann auch die legendären »Electro«-Platten entdeckt, wo die unzähligen Bands und Sänger auf LPs gesammelt waren, pro Band ein Stück. Da waren schon alle vertreten: Sugarhill Gang, Afrika Bambaataa, Captain Rock usw. Später kamen dann Public Enemy und viele andere, deren Namen ich gerade nicht erinnere. Viele von ihnen performen heute noch. Afrika Bambaataa, einer der berühmtesten Rapper überhaupt, macht auch heute noch in New York unkommerzielle Projekte und legt in Parks oder auf Straßenfesten kostenlos auf, wie Joe Conzo berichtete.

    Gangway Beatz Vol. 2

    Jedenfalls war dann gestern Abend echter Rap geboten. Es war eine üppige Fülle an Musikerinnen und Musikern, alles junge Menschen. Sie traten alleine oder zu zweit oder zu dritt auf, manchmal wechselten die Formationen und man sang in anderer Besetzung zusammen. Keiner spielte ein Instrument. Der musikalische Teil wird ausnahmslos von Platten eingespielt und vom DJ mit den Breakbeat-Techniken bearbeitet. Auf der Bühne stehen nur die Sängerinnen und Sänger. Es geht um Text. Und das ist ja etwas, was mir gefällt. »Urban word is a movement« hatte ein Mädchen aus der Bronx auf ihrem T-Shirt stehen. Hier entsteht Literatur, hier entstehen Texte. Es ging um die Freiheit des Menschen, um Würde und Menschenrechte. Die Texte prangerten Rassismus an, die Lebensverhältnisse im Kapitalismus, sie sangen gegen Gewalt und für ein besseres Leben. Sie thematisieren Gefühle und ihr neues Leben mit der Musik, dass das alte Leben der Gewalt und der Drogen abgelöst hat. Gute, engagierte Texte.

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    Die Führung durch den Wedding
    Habib, der sechszehnjährige Stadtführer pakistanischer Herkunft, der uns die Verbindung von »Rap und Religion« nahebrachte, machte auch Hip Hop bei Gangway e.V.

    Kiezführer Habib (rechts) und sein Bruder

    Dort darf man in den Texten, so berichtet er, keine gewalttätigen oder sexistischen Ausdrücke verwenden, sonst wird man aus dem Projekt ausgeschlossen. Hip Hop ist ja heute etwas in Verruf gekommen, durch sensationsgeile Kommerz-Interpreten wie Sido u.ä., die sich vor allem durch ordinäre und gewaltverherrlichende Texte hervortun. Gangway e.V. achtet darauf, dass die Kids nicht auf die schiefe Bahn kommen. Habib und sein Bruder sind Beispiele, dass das funktioniert. Habib erzählte sehr stolz, dass er nun auf dem Gymnasium ist, und es wurde deutlich, dass ihm die Schule etwas bedeutet. Er stellt sogar das Rappen erstmal zugunsten der Schule zurück.
    Und die Rapperinnen und Rapper am Abend zeigten, was in ihnen steckt. Sie haben was zu sagen, sie sind nicht blöd.
    Hier kann man sich die Musik anhören und die CD bestellen.

    Die Moschee
    Habib führte uns am Nachmittag dann auch noch in eine Moschee. Wir, zehn Deutsche mit Multi-Kulti-Affinität, saßen also in der Moschee, und wie es der Zufall wollte, waren gerade einige Geistliche aus anderen Städten da, die am Wochenende auf Predigertour gehen. Es waren sehr gläubige Moslems eines bestimmten Sufi-Ordens (Dawat-e-Islami), die man an ihren grünen Turbanen und weißen Kaftans erkennt.

    praktizierende Moslems in der Moschee

    Sie strahlten alle eine große Liebe und inneren Frieden aus. Sie stellten sich unseren kritischen Fragen und es war schön, diese äußerlich so befremdlich wirkenden Männer mit langen Bärten und islamischer Kleidung mal aus der Nähe zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Einer ist Informatiker, ein anderer arbeitet bei Bosch in Stuttgart in einer technischen Abteilung.
    Sie erklärten uns ihre Gebetspraxis der fünf Tagesgebete. Die Gebete selbst dauern nur 4-5 Minuten, dem geht eine kurze Waschung von Gesicht, Händen und Füßen voraus. Alles in allem höchstens zehn Minuten. Die Gebete finden in einer bestimmten Zeitspanne statt, die je nach Tagesgebetszeit so zwischen 30 Minuten bis zwei Stunden liegt. Irgendwann in der Zeit soll man das Gebet machen. Man ist also recht flexibel und kann die Gebete meistens ganz gut in den Tagesablauf einbauen.
    In der Moschee, die eigentlich eine umgebaute Lagerhalle im Hinterhof ist, empfand ich eine wunderschöne friedliche Stimmung, eine spirituelle Atmosphäre. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich in einer solchen Hinterhof-Moschee war, und auch beim ersten Mal, damals in Bensheim, hatte ich diese Stimmung erlebt. Es liegen schöne weiche Teppiche aus, es ist sauber und es geht um Gott. Es sind Orte des Gebets, der Meditation und der spirituellen Sammlung.
    Es war schön, hier mal ohne Berührungsängste zusammenzusitzen und miteinander zu reden. Fast eine Stunde verbrachten wir dort. Es wurde klar, dass »Islam« auf Deutsch »Frieden« heißt. Hier waren keine fanatischen Terroristen, sondern gläubige Menschen. Ein alter, vermutlich türkischer Mann war auch in der Moschee, er schien etwas irritiert und fragte die Geistlichen aufgeregt, was das für Leute hier seien. »Alles Deutsche?« Sowas war ihm wohl noch nie vorgekommen.

    Deutsche Besucher in der Moschee im Wedding

    Es ist erstaunlich, wie tief die Gräben sind, wie fremd sich hier die Kulturen gegenüber stehen. Dabei könnte das durch ein wenig Dialog und Zusammensitzen radikal verändert werden. Mir wurde jedenfalls klar, dass das hier ganz normale Leute sind. Sie sind halt nur anders angezogen. Da ich selbst ein spirituell eingestellter Mensch bin, fühlte ich mich in ihrer Gegenwart geradezu wohl. Aber ich weiß auch, dass ich die gleichen Leute, auf der Straße als Fremde gesehen, wohl mit Misstrauen und Befremden angeschaut hätte.
    Es war schön zu erleben, wie Habib, der sechszehnjährige Berliner pakistanischer Abstammung, uns völlig unprätentiös und unideologisch den Islam erklärte. Es war von Wertschätzung und Liebe getragen. Wir fragten ihn, wie die Jugendlichen im Islam das mit der Religion so sehen, ob ihnen das peinlich sei, wie das bei uns Christen doch oft so ist. »Nein, wer bei uns religiös ist, wird respektiert und geschätzt.«
    Habib und sein Bruder über Rap, Religion und »Problemkinder«:

    Abends in dem Club sah ich einen jungen Türken zu einem älteren hinzutreten und sich begrüßen. Der Ältere hatte eine Flasche Bier in der Hand. Der Junge zeigte auf die Flasche und ermahnte ihn mit einem schelmischen Gesicht und schien sagen zu wollen: Ein guter Moslem trinkt keinen Alkohol. Das tat der Freundschaft keinen Abbruch. Aber ich finde es begrüßenswert, wenn junge Leute ihr Heil nicht in Alk oder Drogen suchen.
    Hier ein typisches Stück zum Hören: Kaveh ft. Karim – Rebellier
    Ich finde es im übrigen auch immer wieder bewundernswert, die jungen Musliminnen zu sehen, die es gerade hier im Wedding zahlreich gibt. Einige sind verschleiert, andere nicht. Aber ich sehe immer wieder, dass sie dick befreundet sind. Es scheint keinerlei Vorbehalte zu geben, weder von der einen noch von der anderen Seite. Jede ist frei, das nach Gusto zu handhaben. Es scheint mir total ausgewogen zu sein. Es kippt nicht auf die eine oder andere Seite, wonach dann die Gegenseite die verworfene wäre. Das interpretiere ich mal so für mich als ein freigeistiges Element im Islam oder zumindest im europäischen Islam. Gesternabend habe ich mir dazu noch überlegt, inwieweit der Schleier für manche Mädchen vielleicht auch ein Style ist, also eine Kleidungsmode, denn diese sind dann schick gekleidet und die Kopfbedeckung ist kunstvoll ins Ensemble eingefügt. Was es für viele ebenfalls auszudrücken könnte, ist ein Bekenntnis zu Treue in der Ehe, also eine romantische Komponente. Sie wollen einen Ehemann und keine Experimente. Ich finde das beruhigend. Nicht ganz zuletzt wird es wohl auch eine Identifiktationsfläche für eine eigene kulturelle Identität sein. Als Türkin ist man halt keine Deutsche. Das bekommt man von deutscher Seite schon zu spüren. Also ist man besser stolz, eine Türkin zu sein.
    Joe Conzo, der Puertorikaner, erzählte übrigens von der Bronx, dass sie irgendwann in den Siebzigern den zweisprachigen Unterricht in der Schule durchgesetzt haben, spanisch-englisch. Ein großer Fortschritt für die ethnischen Minderheiten und heute eine Gütesiegel für die kulturelle Offenheit der amerikanischen Gesellschaft. Man stelle sich das mal in Deutschland vor.

    Hier nun zwei Videos von der Kiez-Führung mit den beiden Jungs Habib und sein Bruder:

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    Habib und sein Bruder führen uns durch den Wedding an die Stellen, wo die Jugend aus sozial problematischen Strukturen den Islam und Hip Hop praktizieren. Sie sprechen über Rap, Religion, Problemkinder, über das Streetworker-Projekt »Gateway e.V.« und sich selbst.

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    Junge Rapper sprechen über ihre Musik und den Zusammenhang mit ihrer Religion des Islam.

    Resümee
    Wie in der Biologie scheint es wohl auch in der Kultur zu einer Befruchtung zu kommen, wenn zwei verschiedene Wesen sich vereinen. Rap und Religion, Orient und Okzident, Islam und westliche Zivilgesellschaft – das können auch alchemistische Mischungen sein, aus denen neues Leben und neue Kultur entsteht. Wir entwickeln uns als Menschen und als Menschheit immer weiter. Wir verändern uns, wie wachsen und erschaffen Neues. Wir können uns freuen über diese Lebendigkeit.
    Wir können dies alles als Reichtum sehen. Die »Problem-Kids« haben eine kreativen Weg gefunden, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Ich sah da sehr viel Kreativität und Potential. Es tat gut, sie zu sehen und zu hören.
    Berlin bietet diesen Schmelztiegel in herausragender Weise. Hier wird Blei zu Gold.
    Für mich war es eine schöne Begegnung mit dem Islam und mit urbaner, echter Kunst von unten.

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    Die Veranstalter der Kiez-Führungen ist der Verein Kultur bewegt e.V.: http://www.route65-wedding.de/
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    Ein Original-Video von Gangway Beatz:

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    Und hier ist noch eine Eigenaufnahme vom gestrigen Abend, leider mit wenig Licht und nicht gerade der besten Audio-Qualität. Aber es geht ja um die Message:

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  • Berlin Blog – Walter Benjamin

    10.09.2010
    In Berlin passiert eigentlich jeden Tag was. Hier passieren Dinge jeden Tag, die auf dem Land, wo ich herkomme, im ganzen Jahr nur einmal, wenn überhaupt, passieren.
    Am Dienstag (07.09.) war ich im Literaturhaus Berlin auf der Filmpremiere eines neuen Films über Walter Benjamin. Der Film wurde von David Wittenberg gemacht. Es ist sein dritter Film über Walter Benjamin. Von den ersten beiden habe ich im übrigen erst an diesem Abend erfahren. Moderation machte der Mensch, der an der Akademie der Künste für das Walter Benjamin-Archiv zuständig ist.
    Man muss sich das mal überlegen. Ich steige bei mir in die U-Bahn, sitze ein paar Minuten da und schaue mir die Leute an oder denke vor mich hin. Einmal musste ich noch umsteigen und noch eine weitere Station fahren. Dann steige ich aus und laufe noch etwa 100 m bis zum Literaturhaus. Was mir hier präsentiert wird, ist First Class, Top Ranking, Erste Sahne. Besser geht‘s nicht. Der Filmemacher selbst und der Verwalter des Walter Benjamin-Archivs, und ein voller Saal Interessierter.
    Das Literaturhaus ist eine feine Adresse in der Fasanenstraße, eine Seitenstraße zum Kurfürstendamm, wie ich hörte, die teuerste Straße in Berlin, ein Repräsentativobjekt. Ich wunderte mich wohl über die in den Schaufenstern der Läden ausgestellten Waren, Kleidung, Geschirr und dergleichen. Alles vom Feinsten, ohne Preisauszeichnung. Hier spielt Geld keine Rolle. Nun ja, das Literaturhaus kann nichts dafür. Hier wird echte, gute Literatur verhandelt. Das Programm und die Schaukästen mit den Büchern beeindruckte mich. Seltene Titel, zeitgenössische Literatur, state of the art.

    Der Film ist eine 52minütige dokumentarische Reise durch die Lebenstationen Walter Benjamins, des großen Literaturphilosophen. Sein unstetes Leben ohne Wohnung, seine Flucht vor den Nazis, das Exil in Paris, die Flucht über die Pyrenäen, sein Freitod an der Grenze zu Spanien, in Port Bou, weil die spanischen Grenzbeamten die Flüchtlinge an die Nazis ausliefern wollten. Er vergiftete sich in der Nacht. Als Folge davon durften die anderen Flüchtlinge einreisen. Die Schriftstücke, die er mit sich trug, sind verloren. Seine letzten und wichtigsten Aufzeichnungen. „Schriftstücke unbekannten Inhalts“ heißt es im Polizeiprotokoll. Die spanischen Polizisten werden sich wohl kaum von dem Inhalt seiner Schriften einen Begriff gemacht haben. Heute ist er einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Was mich betrifft, so hat er mich geprägt. Er war in meinem Germanistik-Studium mein großes Vorbild, mein Bruder im Geiste. Ein Mystiker under cover. Ein Marxist und Jude. Seine Arbeiten zur Sprache und zur Erkenntnistheorie sind vom Geist der ewigen Wahrheit getragen, von einer transzendentalen Schau auf die ewigen Dinge.
    Er wurde damals von niemandem verstanden. Und auch heute noch ist das wohl so. Er wird heute zwar verstanden, aber falsch. Das heißt, heute gilt er etwas und wird verehrt und gelesen. Der größte Teil der Rezeption ist jedoch sehr eingeschränkt. Man sieht ihn als Kultur- und Kunsttheoretiker, oder als Chronist der Geschichte. Seine mystische Dimension könnte nur jemand sehen, der selbst Mystiker ist. Und das sind die Kunst- und Literaturfreunde, die Historiker und Gesellschaftstheoretiker der modernistischen weltlichen Klasse nicht.
    Wittenberg, der Filmautor, stellte sich nach dem Film den Fragen aus dem Publikum. Ich fragte ihn, ob er sich auch mit der psychischen und emotionalen Situation Benjamins beschäftigt habe, denn gerade bei Bejamin erschiene es mir sehr bedeutend, wie seine persönliche Geschichte und Situation sein Werk beeinflusste. Ein großer Ausspruch von Benjamin, der ganz am Anfang des Films zitiert wurde, weißt auf die Tiefe seiner Forschung und die Existentialität seines eigenen Lebens hin:

    „Es ist vielleicht das größte Glück des Menschen, ohne Schrecken seiner selbst inne zu werden.“

    Ich fragte also den Filmemacher. Aber er konnte damit nichts anfangen. Er redete an mir vorbei. Er erzählte etwas von der Geschichte der Moderne im 19. Jahrhundert in Paris, die Benjamin zum Thema gemacht hatte. Ja, das war das Thema von Bejamin damals, aber das ist nur die oberflächliche Schicht, das Sujet, aber nicht die innere Motivation. Es ging Benjamin um „die Philosophie der Geschichte“, wie er es selbst einmal nannte. Und ich füge hinzu, um die Philosophie der Geschichte des Menschen an und für sich.
    Wittenberg sprach vom Denken Benjamins. Es wurde offensichtlich, dass er mit „Emotionen“ nichts anfangen konnte. Er ist, wie die ganze westliche Intellektualität, völlig im Denken absorbiert.
    Unter der „Philosophie der Geschichte“ verstehe ich kurz gesagt die Untersuchung der Frage, wie Geschichte überhaupt zustande kommt und wie sich die Erkenntnis des Menschen in und an Geschichte aufspannt. Nicht geht es um die Frage, was passiert ist, also eine Aufreihung historischer Daten, sondern was das mit den Menschen und der Kultur macht. So nannte Benjamin sein Hauptwerk das „Passagen-Werk“, in Anlehnung an die Pariser Passagen, die überdachten Einkaufsstraßen. Passagen sind äußere Innenräume, Straßen, die zu Wohnzimmern umgebaut wurden, was durch den Fortschritt der Technik erst möglich wurde. Welche Veränderung der menschlichen Kultur drückt sich in einer solchen Idee, Straßen zu überdachen, aus? Was bedeutet das wiederum für den Menschen und seine sozialen Beziehungen? Passage bedeutet Vorbeigehen, Nicht-Bleiben. Wie Benjamins nomadisches Leben.

    Paul Klee: Angelus novus

    Benjamin war ein Mystiker, ein Kabbalist. Er sah die Wirklichkeit hinter den Dingen. Er hinterließ ein tiefes Werk, auf dessen Grund noch einige wertvolle Juwelen zu finden sein dürften. In der Fasanenstraße werden sie tendenziell vom Prunk des Tands überstrahlt.
    Dieses Jahr ist Walter Benjamins 70. Todestag. Ab jetzt ist sein Werk „gemeinfrei“, d.h. die Ansprüche auf Copyright sind verfallen. Das bedeutet, dass ich in der nächsten Tattva Viveka Auszüge aus seinem Werk frei veröffentlichen kann. Darauf habe ich schon sehr lange gewartet …

    Noch ein schönes Zitat von Dr. Raimond Otte:
    „Wo soll man eigentlich seine Erleuchtungen suchen? Walter Benjamin (1892-1940), Philosoph, Literaturkritiker und Filmtheoretiker, gab auf diese Frage Antworten, die bis heute verstören. Mitten im modernen Leben können „spirituelle“ Erfahrungen den Menschen treffen. Sie kommen plötzlich, sind unberechenbar und halten sich überhaupt nicht daran, auf eine „religiöse“ oder „spirituelle“ Atmosphäre begrenzt zu sein. Die Begegnung mit dem anderen Menschen, die Erinnerung an einen fast vergessenen Geschmack, eine Szene in einem Kinofilm oder ein unerwarteter Gedanke lassen uns Schwellen überschreiten. In den Blick kommen Erfahrungen, die uns radikal verändern können. In einer poetischen Sprache hat Benjamin sie beschrieben. Sein Werk verbirgt ungewöhnlich reiche und subtile Gedanken, die um diese Begegnungen kreisen. Da ist die Rede von der Erfahrung der Kindheit, dem Spielzeug, den großen Bahnhöfen oder von alltäglichen Dingen, hinter denen sich Appelle verbergen.“ Dr. Rainer Otte ist Philosoph, Filmemacher, Wissenschaftsjournalist.

    Artikel zum Thema in Tattva Viveka:
    TV 02: Ronald Engert – Omnia videns. Zur Sprachtheorie der Kabbala
    TV 03: Ronald Engert – Zur Kritik der Gewalt. Nach dem Aufsatz von Walter Benjamin
    TV 16: Ronald Engert – Leben bestimmt Leben. Zum Unterschied von Leben und Materie

    Mehr zum Thema auf meiner Walter Benjamin-Seite: http://wbenjamin.de

    Zur Tattva Viveka Homepage geht es HIER.

  • Aufklärung und Erleuchtung

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  • Berlin Blog

    Gedenktafel zu Berthold Brecht, auf dem Weg zur Beratung

    03.09.2010

    Gestern war ein ereignisreicher und durchaus heterogener Tag. Zuerst hatte ich einen Termin beim „RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e. V.“, wo ich eine Beratung für meine Firma erhielt.
    Dann war ich am Nollendorfplatz und stolperte zufällig in die Schwulenszene Berlins. Am Abend schließlich besuchte ich das wichtigste Jahresfest der Hare Krishnas, Krishnas Geburtstag.

    Was RKW heißt, konnte ich auch nach längerer Recherche auf ihrer Homepage nicht herausfinden. Vielleicht wissen sie es selbst nicht. Jedenfalls geht es um Wirtschafts-Förderung. Sie haben einen neuen Bereich für kulturkreative Projekte gegründet und auch gleich einen Wettbewerb ausgeschrieben, an dem ich teilnehmen werde. Einsendeschluss ist der 12. September. Ich fand das vor ein paar Tagen zufällig in meinem Xing-Postfach, wo ich in einer Gruppe für Fördermittel bin. Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Dinge plane. Sie geschehen einfach. Ich bin ein guter Sammler und ich bewege mich gerne in den aktuellen Zusammenhängen des „social media“. Irgendwie bin ich da drüber gestolpert, wie es ja auch eine social bookmark-Seite gibt, die „stumbleupon.com“ heißt. Jedenfalls rief ich gleich an und machte einen Termin mit dem Kulturbeauftragen. Gestern traf ich ihn. Ein sehr netter Mensch, der sich sehr kompetent und wertschätzend meine Situation angehört hat und mir sehr gute Tipps gegeben hat. Wir werden uns auch wieder treffen. Er sagte, ich hätte die richtigen Fragen gestellt und mein Unternehmen (die Tattva Viveka) sei ein idealer Kandidat für ihre Unterstützung. Ich fand einen professionellen Unternehmensfachmann. Wir sprachen über die Möglichkeit eines Investors, mit dem zusammen eine zweite Firma, eine Vermarktungsgesellschaft gegründet werden könnte. Dieser investiert in die Firma, z.B. auch mit der Gegenleistung Werbung in der Tattva Viveka zu bekommen und letztlich an den steigenden Umsätzen beteiligt zu sein. Ziel ist es, die Auflage zu steigern, z.b. auf 30.000 Ex., dafür social media zu nutzen und den Verlag nach Berlin umzusiedeln. Es wird Zeit, die Tattva auf das nächste Level zu heben, aber mit den bisherigen Mitteln geht es nicht weiter. Ich bin bereit und habe Lust, Neues zu wagen und professionell unternehmerisch an die Sache heranzugehen. Dazu gibt es Förderungen für Coaching, hohe Bürgschaften der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und einen Kreativwettbewerb: http://www.kultur-kreativpiloten.de.
    Nach dem Termin war ich richtig begeistert von den neuen Möglichkeiten und der kompetenten Beratung. Schön, dass es sowas gibt. Der Kreativbeauftragte war auch begeistert, denn – so seine Erfahrung – ich sei einer der wenigen aus der kulturkreativen Verlagsbranche, der bisher die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 erkannt habe.

    Motzstraße / Nollendorfplatz

    Ich hatte dann nur noch zwei Stunden Zeit bis zum Krishna-Fest und fuhr deshalb mit der U-Bahn einfach mal an den Nollendorfplatz. Mal schauen, wie es dort aussieht. Es gibt dort viele hochkarätige Antiuquariate. Wahre Fundgruben für Büchernarren wie mich. Ich habe aber nichts gekauft. Ich habe eh schon genug Bücher. Eins, zwei Straßen weiter wunderte ich mich zunehmend über das Publikum in den Straßen. Lauter Männer, alle irgendwie gleich aussehend, bärtig, stylisch, schwarz gekleidet, meistens zu zweit oder zu mehreren, meistens so zwischen 40 und 50 Jahre alt. Ein seltsamer Army-Shop mit Lederkleidung in der Auslage und eindeutig sexuellen Accesoires, Bars usw. Einige Männer starrten mich an. Ich schaute weg, fand das etwas aufdringlich.

    Ich kam an einem Friseurladen vorbei, dort arbeiteten auch Frauen. Der Laden schien aber einem Schwulen zu gehören. Ich brauchte dringend einen Haarschnitt und ging rein. Im Wartebereich lauter Schwulen-Magazine und ein Event-Heftchen für einen großen Schwulen- und Lesbentag am Samstag, 4. September, mit einem Grußwort von Wowereit, dem schwulen Oberbürgermeister von Berlin. So von wegen Offenheit und unterschiedliche Lebensstile. Im Heft auf jeder zweiten Seite eindeutige Anzeigen für schnellen Sex, Leder-, Lack- und Gummifetische, Bars, Lederkleidung und reihenweise Bilder von haarigen, oberkörperfreien Männer von den vorangegangenen Events, die sich im Arm hielten usw. Mehrfach gab es auch Master and Slave-Posen zu bewundern, eins oder zwei Jungs auf allen Vieren mit Halsband und Hundeleine und einer, der steht und die Leine hält.
    Ich fand es seltsam und wunderlich, was es alles für Welten gibt. Offensichtlich genießen es diese Menschen, so zu sein.

    Radha und Krishna werden geschaukelt

    Eine Welt ganz anderer Art und ein harter Kontrast war sodenn auch mein dritter Tagesordnungspunkt: die Krishna-Fete. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Tempelhof. In einer Seitenstraße im Hinterhof (Neue Straße 21) befindet sich ein kleiner Veranstaltungsraum, der als Treffpunkt der Krishna-Gemeinde genutzt wird. Ein Altar mit den Bildgestalten von Radha und Krishna, sowie Sri Caitanya und Nityananda, und Menschen, die die indischen Bhajans singen. Viele alte Freunde, die ich zwei Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das war ein großes Hallo. Ich tauchte in die Bhajans ein. Die spirituelle Atmosphäre war spürbar für mich und ich konnte mich relativ gut eintunen. Manchmal kam ich in die Bewertung, aber dankenswerterweise wurden die Bhajans immer besser und ich konnte mich einlassen. Es wurde ekstatischer und freudiger. Ich hörte die altbekannten Tunes in dem besonderen Stil der Gaudiya Vaisnavas der Linie von Narayan Maharaj, der so authentisch indisch rüberkommt, so unwestlich, gleichzeitig mit einem treibenden Beat und doch ganz anders, weich, erherzend. Zwei gute Trommelspieler, ein Harmonium und schöne Melodien brachten mich zum tanzen. Ich kam in einen spirituellen Zustand der Liebe und des Friedens. Ja, es ist schön, für Gott zu singen und zu tanzen. Es ist anders als weltliche Beschäftigung, die für den eigenen Nutzen ausgeführt wird. In diesen Liedern und Zeremonien für Krishna ist man automatisch in eine Beschäftigung eingebunden, die ein Dienst für Gott ist. Das ist einfach eine andere Dimension. Die Herzen der Menschen gingen auf, zumindest meins. Wir badeten Radha und Krishna mit Säften, Honig, Joqurt und Wasser.

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    Danach wurden sie schön angekleidet und geschaukelt. Das war schon auch wunderlich, eine Runde von vielleicht 30 erwachsenen Personen zu beobachten, die zwei Püppchen auf einer Spielzeugschaukel schaukeln. Aber das sind keine Puppen und das ist kein Spielzeug. Das ist die höchste spirituelle Handlung, die man als Mensch ausführen kann. Behaupte ich jetzt mal so unbegründet.

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    Ich könnte es begründen, aber dazu müsste ich sehr weit ausholen. Das ist die ernsteste und existentiellste Handlung, die man tun kann. Sie befreit meine Seele und sie lässt mich eine wunderbar süße Liebe zu Göttin-Gott spüren. Ja, das kann man nicht logisch erklären. Das ist eigentlich widersinnig. Irrational. Aber ich konnte es gesternabend wieder fühlen. Es ist eine klare, warme und reine Liebe. Diese Liebe manifestiert sich in diesen Handlungen, nicht im Denken darüber. Die Handlungen sind das Baden, Anziehen und Schaukeln. Was würdest du mit deinen Liebsten machen? Mit deinen Kindern oder deiner/deinem Geliebten? Genau das wird hier für Göttin-Gott getan, für Radha und Krishna. Das ist Religion! Und es ist egal, ob Radha und Krishna hier mit Haut und Knochen gegenwärtig sind, also mit dem physischen Leib. Es geht um die Seele, um unsere spirituelle Essenz, die jenseits von chemischen Elementen und zeitweiligen physischen Formen ist. Es geht um die Essenz. Dass diese Liebe beim Schaukeln dieser Bildgestalten möglich ist, sagt sehr viel aus über die Bauweise der Wirklichkeit. Narayan Maharaj, der spirituelle Meister dieser Linie, wurde einmal gefragt: „Was ist mehr real, das Bild des Meisters oder der Meister selbst?“ Er antwortete: „In der materiellen Welt ist sowohl das Bild als auch die Person Illusion. In der spirituellen Welt ist sowohl das Bild als auch die Person real.“
    Bild und Wirklichkeit fallen nur in der Illusion auseinander. In der Wahrheit sind Bild und Wirklichkeit unmittelbar verbunden, sie sind übereinstimmend. Das Problem der Wahrnehmung existiert nur in der Welt der Illusion, die kurzgesagt das umfasst, was nicht mit Göttin-Gott verbunden ist. Je weiter wir uns von Gott entfernen und uns selbst zum Mittelpunkt unserer Motive machen, also egoistische, altruistische, materialistische, zeitweilige Ziele anstreben, desto mehr fallen Bild und Wirklichkeit auseinander. Das Bild wird manipuliert, um die Motive bzw. den Schmerz und die echte Scham, die aus dem Missbrauch entstehen, zu verschleiern. Nur die Handlung für Gott gibt das saubere, reine, cleane Bild. In der Ausführung dieser Handlung erkenne ich automatisch, dass diese Handlung clean ist, denn sie enthält keine egoistischen, altruistischen, materialistischen oder zeitweiligen Ziele. Es muss nichts vertuscht, beschönigt, rationalisiert oder manipuliert werden. So manifestiert sich reine Freude und Liebe. Wir sind halt doch Dienerinnen und Diener Gottes, ob wir wollen oder nicht. Besser, wir akzeptieren es.

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  • Nobody is perfect 2

    Nobody is perfect 2

    „Heute ist meine Abstinenz nicht perfekt. Wenn ich perfekt abstinent wäre, würde ich nur das essen, was Gott für ich will und ich würde dabei keinerlei Schuld oder Scham verspüren. Heute erwartet meine Höhere Macht nicht mehr diese Art von Vollkommenheit von mir und noch besser, ich erwarte sie auch nicht von mir. Wenn ich bete, „Gib uns unser tägliches Brot“, bete ich um meine Abstinenz. Wenn ich dann Gott um Hilfe gebeten habe, lege ich es in seine Hände.
    Ich akzeptiere den Körper, den Gott mir gegeben hat und dass ich eben eine gewisse Menge Essen brauche. Es war mein Eigenwille, der mir meine Extrapfunde einbrachte. Wenn ich so esse, wie Gott es für mich will, habe ich einen normalen Körper. Lange bevor ich mein Zielgewicht erreicht hatte, kam mein Gewicht zum Stillstand. Ich hörte auf, Gewicht verlieren zu wollen und begann zu essen, als hätte ich auf wunderbare Weise all das Gewicht verloren, das nötig war. Ich hatte den Unterschied gelernt zwischen abstinent sein und auf Diät sein.“
    (OA, S. 71)

    „Wenn ich auch immer wieder am Kämpfen war, so verlor ich in den ersten Jahren im Programm dennoch 50 Pfund. Allmählich erkannte ich, je mehr ich versuchte „den Deckel auf meine Ess-Sucht“ zu bekommen, desto mehr schien ich zu versagen. Ich benutzte OA manchmal als Diätklub und ich vergaß dabei, dass das noch nie funktioniert hat.
    Ich sprach darüber mit einer OA-Frau, die ich sehr bewunderte. Sie sagte mir, dass ich anscheinend nach einer „perfekten“ Abstinenz strebte und das vielleicht eine unrealistische Erwartung sei. Es war nicht leicht für mich, meinen Traum von der Perfektion loszulassen, aber ich sah, je mehr ich von meinen strengen Anforderungen losließ, umso weniger Macht hatte das Essen über mich. Ich fing an mich als ein unvollkommenes Wesen zu akzeptieren.“
    (OA, S. 76)

    Das Problem bei den Ess-Süchtigen ist, dass sie das Suchtmittel nicht völlig weglassen können, wie das zum Beispiel bei Alkohol oder Drogen der Fall ist. Sie müssen also das Mittel, das sie süchtig missbraucht haben, weiterhin nehmen.
    Wie kommen sie dann also zu einem abstinenten Verhalten?
    Es wird hier in OA sehr genau zwischen Diät und Abstinenz unterschieden. OA ist kein Diätklub. Eine Diät ist eine Methode, weniger zu essen, als man eigentlich essen müsste, um abzunehmen. Diät ist mit zwanghaften Verhalten verbunden, es ist der Versuch, Kontrolle zu erlangen und ist nur die Kehrseite der Ess-Sucht. Der Versuch, das Essen zu kontrollieren, führt zum Rückfall.
    Abstinenz bedeutet, das zu essen, was man braucht, und so zu essen, dass man satt ist. Allerdings isst man auch nicht mehr. Es geht darum zu spüren, welches Essen brauche ich und welches esse ich nur, weil ich mehr will. Wenn ich mehr esse, als ich brauche, esse ich süchtig, weil ich dann mit dem Essen versuche, Gefühle zu verändern und mich wegzumachen.
    Die allgemeine Regel ist, dreimal am Tag essen und dazwischen nichts zu essen. Das ist die Grundlage der Abstinenz in OA. Spirituell gesehen formuliert es das erste Zitat. Rein spirituell wäre, nur das zu essen, was Gott für mich will. Allerdings gibt es keine Vollkommenheit. Die Idee der Vollkommenheit ist selbst eine süchtige Idee.
    In dem Verstehen, dass Gott keine Vollkommenheit von mir erwartet, komme ich raus aus dem süchtigen zwanghaften Verhalten und aus meinen Schuld- und Schamgefühlen darüber, dass ich nicht vollkommen bin.
    „Wären wir vollkommen, wären wir keine Menschen“ sagt der NA-Basictext (S. 38).
    Ich glaube, es ist der Wille Gottes, das wir unvollkommen sind. Diese Unvollkommenheit ist eine eigene spirituelle Erfahrung, die uns Demut und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen geben soll.
    Ein Merkmal der Sucht ist die Kontrollillusion. Sie drückt sich auch in der Idee der Vollkommenheit aus. Die Idee der Vollkommenheit ist somit eine Leugnungsstrategie. Auch die Behauptung, wir wären ja schon vollkommen, ist Leugnung. Das ist einfach eine strategische Schutzbehauptung, um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten und den Schmerz und die Demut nicht fühlen zu müssen.
    In der Annahme-was-ist erkennen wir, dass wir unvollkommen sind und fühlen den Schmerz und die Demut. Das ist einfach die Realität, wie sie ist. Es ist so.
    Kannst Du das fühlen? Kannst du fühlen, dass das stimmt?
    Es fühlt sich einfach richtiger an als diese mentalen Strategiepostulate, diese logischen Konstrukte, die nur im Kopf stattfinden und nur dazu dienen, den Schmerz zu rationalisieren und zu betäuben.
    Die Wirklichkeit ist die Wahrheit und die Wahrheit ist die Wirklichkeit. Das kann man spüren. Das erfasst den ganzen Körper, nicht nur den Kopf.
    Es ist eine Evidenz, die nicht hinreichend mit Logik erklärt werden kann.

    Nachtrag: Zum Erkennen der Realität

    Es ist möglich, die Realität zu erkennen. Das ist jedoch ein Fühlen und geht weit über das Denken hinaus. Weil wir immer versucht haben, mit dem Denken die Wirklichkeit zu erkennen, haben wir uns in den Konstruktivismus verstrickt, der behauptet, ich konstruiere die Realität in meiner Wahrnehmung. Ja, wir konstruieren ständig unser Bild der Realität in unseren Köpfen. Aber das ist die Pathologie, das ist die Illusion. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, uns selbst zu erkennen, wie wir sind, und die Realität zu erkennen, wie sie ist. Dies ist möglich in der radikalen Ehrlichkeit und Authentizität. Die Wahrheit ist fühlbar. Oder, wie der Chefarzt der Klinik Bad Herrenalb, Klaus von Ploetz, sagt: „Die Wahrheit ist der Kammerton A und die Seele hat das absolute Gehör.“ Stimme, stimmig, Stimmung, Bestimmung. Wir fühlen es, wenn es stimmt, und wir ihm eine Stimme geben. Es fühlt sich stimmig an. Dann fühlen wir den anderen und erfahren Freude und Verbundenheit. Das nährt die Seele.

    Exkurs zur Bhagavad-gita

    Die Bhagavad-gita, die Heilige Schrift Indiens, beschreibt diesen Erkenntnisvorgang ebenfalls:

    Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der Täuschung herausgetreten ist, wirst du gegenüber allem, was je gehört worden ist, und allem, was noch zu hören ist, gleichgültig werden. (2.52)
    Erläuterung: Sobald unser Bewusstsein aus der Illusion herausgetreten ist, merken wir es. Es ist wie eine Erleuchtung. Jetzt ist alles klar. Vor allem werden wir dann nicht mehr an den Worten kleben, die schon gesagt oder niedergeschrieben worden sind und wir werden auch nicht an zukünftigen Aussagen von anderen Menschen, Gruppen oder Institutionen hängen. Wir werden in jedem Moment wissen, was wirklich ist und was zu tun ist. Wir werden in der Lage sein, unsere eigenen Urteile zu fällen, ohne von der Autorität anderer abhängig zu sein. Es handelt sich um ein inneres Wissen, das am Besten mit dem Wort Intuition bezeichnet werden kann.

    Wenn aber jemand mit dem Wissen erleuchtet ist, durch das Unwissenheit zerstört wird, dann enthüllt sein Wissen alles, ebenso wie die Sonne am Tage alles erleuchtet. (5.16)
    Erläuterung: Sobald wir dieses Wissen erlangen, breitet es sich auf alles Existierende aus. Es ist kein phänomenales Wissen, also ein äußeres Wissen, dass die einzelnen Phänomene wie zusammengestoppelte Befunde abtastet und aufreiht. Es ist kein Begreifen. Das Tasten und Greifen gehört in den Bereich der Haptik. Es ist blind. Echtes Wissen gehört in den Bereich der Optik. Es ist sehend.
    Es ist ein inneres Wissen, gleichsam der Quellcode, der auf alle Phänomene, auf alle Gewordenheiten, anwendbar ist.

    Ich werde dir nun dieses phänomenale und numinose Wissen in seiner ganzen Fülle erklären, und wenn du es verstanden hast, wird es für dich nichts ehr zu erkennen geben. (7.2)
    Erläuterung: Hier unterscheidet Krishna, der Sprecher, zwischen phänomenalem und numinosem Wissen (im Sanskrit jnana und vijnana). Das phänomenale Wissen ist das Wissen von den Phänomenen, den Entitäten, den äußeren Erscheinungen. Das numinose Wissen ist das Wissen von den inneren Kräften, von den spirituellen Dingen und von Gott. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, der Quellcode.
    Mit diesem Verständnis kommt alle Erkenntnis an ihr Ende, weil es nichts mehr Neues zu erkennen gibt. Das ist das Ende vom Wissen (vedanta). Dann beginnt das Leben.

    Quellen:
    OA: Overeaters Anonymous, Zweite Ausgabe, Deutschsprachige OA, Bremen 2001, ohne ISBN
    NA: Narcotics Anonymous, Basic Text, dt., USA Van Nuys 2002, ISBN 1-55776-171-X
    Bhagavad-gita, hg. und übersetzt von Bhaktivedanta Swami Prabhupada, The Bhaktivedanta Book Trust, 1987, ISBN 0-89213-088-1

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  • Nobody is perfect

    Zur Theorie der Vollkommenheit

    Viele Menschen leben in einem Paradigma, demzufolge es irgendwie das Ziel ist, vollkommen zu sein oder zu werden. Vollkommenheit wird als gut bewertet, Unvollkommenheit als schlecht. Es gilt irgendwie, zu dieser Vollkommenheit zu gelangen.
    Die Wege dahin lassen sich im Großen und Ganzen in zwei unterschiedliche Herangehensweisen unterscheiden:
    a) Ich ändere mich, also meine Realität.
    b) Ich ändere meine Definition von Vollkommenheit, also die Wahrnehmung meiner Realität.
    Die Menschen in diesem Paradigma leiden sehr unter der Vorstellung, nicht vollkommen zu sein. Sie sagen zum Beispiel: „Wie soll ich ein Ebenbild Gottes sein, wenn ich nicht vollkommen bin?“
    Da aus dieser Bewertung jedoch ein Schmerz über die eigene Unvollkommenheit entsteht, wird zu der Idee Zuflucht genommen, das ich jetzt und hier schon vollkommen bin, so wie ich bin. Damit wird das Problem aus der Realität (a) in die Wahrnehmung der Realität (b) verlagert. Es ist nur noch eine Frage der Definition. Es ist dann ein Denkfehler, wenn ich mich für unvollkommen halte. In dem Moment, wo ich erkenne, dass ich ja schon vollkommen bin, ist alles gut. Das Problem ist gelöst. Das ist Konstruktivismus.

    c) Beide Lösungswege sind disfunktional. Das Problem löst sich in der Annahme der Tatsache, das wir unvollkommen sind und das ist gut so. Es ist einfach die Wahrheit. Wir sind unvollkommen.

    zu a)
    Dies ist die klassische Version des Paradigmas. Wir sind so, wie wir sind, nicht in Ordnung und müssen besser werden. Es gibt ein Ideal, eine Vollkommenheit, und wir sind selbst noch nicht dort. Wir „sollen“ oder „müssen“ anders werden, uns ändern, uns verbessern.
    Hier werden z.b. niederes und höheres Selbst unterschieden, oder das Ego und das absolute Selbst. Das Niedere ist das Schlechte, das Höhere ist das Gute. Es ist die Vorstellung der klassischen Religionen, dass wir ein echtes, wahres, absolutes Selbst haben, das nicht von irdischen Dingen verunreinigt ist, frei von Sünden (der Westen, Christentum, Islam, Judentum) oder frei von Illusionen (der Osten, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus). Dies steht dem niederen, falschen, relativen Selbst, dem Ego, gegenüber. Dieses niedere Selbst ist die Ursache von Leiden, Sünden, Illusionen, und dieses gilt es auszumerzen oder zu transformieren. Das ist der Weg vom Real zum Ideal, vom Relativen zum Absoluten, vom Schlechten zum Guten, vom Falschen zum Richtigen, vom Sündigen zum Heiligen usw.

    zu b)
    Immer wieder kommt es vor, dass manchen Menschen klar wird, dass mit dieser Denkweise etwas nicht stimmt. Wir können das Ideal niemals erreichen, wir können niemals diese Vollkommenheit, diese Heiligkeit, diese permanente, absolute, immerwährende, perfekte Erleuchtung oder Erlösung erreichen. Wir sind immer wieder in dem Jammertal gefangen, in der irdischen Relativität, in den Fehlern, Schwächen, Unvollkommenheiten.
    Hier setzt die Veränderung der Wahrnehmung der Realität an. Wenn ich schon nicht meine Realität nachhaltig ändern kann – die Tatsache, dass ich unvollkommen bin -, dann ändere ich eben die Definition davon, was vollkommen ist. Wir erkennen, dass viele negative Bewertungen von Dingen oder Handlungen geschlossene Symbole sind, d.h. viele Negationen sind konventionelle Tabus, die uns mehr Leiden verursachen, als sie uns vor Leiden schützen. Zum Beispiel wurde jahrhundertelang die Sexualität tabuisiert, um die Bevölkerung vor unerwünschter Nachkommenschaft und Geschlechtskrankheiten zu schützen. Zugleich führte diese Tabuisierung zu zahlreichen neurotischen und psychotischen Problemen. Jetzt wird die Sexualität zunehmend enttabuisiert, d.h. in eine positiven Wertung gesetzt, in der Hoffnung, dadurch eine Abnahme des Leids zu erreichen.
    Diese alle Gebiete betreffende Änderung der Wahrnehmung der Realität führt jedoch zu einer inflationären Verrohung und Demoralisierung der Gesellschaft. „Anything goes“, „alles kann, nichts muss“ sind Slogans dieser Variante des Paradigmas. Es wird einfach gesagt, jeder kann machen, was er will, das ist okay so. Es gibt keinerlei moralische Maßstäbe mehr, jeder ist frei, sich auszuleben, egal wie – außer er verletzt andere auf physische Weise. Ich bin so okay, wie ich bin. In diesen Gedankengängen liegt ein Teil Wahrheit und ein Teil Leugnung.
    Die Wahrheit ist, ich bin der, der ich bin. Die Leugnung ist, dass das so vollkommen ist.

    zu c)
    Ich bin der, der ich bin, mit all meinen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten. Und das ist gut so. Ich bin nicht vollkommen.
    Die Selbstgeißelung und Selbstverachtung hört in dem Moment auf, wo ich das Dogma aufgebe, dass das Vollkommene das Gute und das Unvollkommene das Schlechte ist. Wenn ich verstehe, dass es menschlich ist, unvollkommen zu sein, dass es meine Natur ist, unvollkommen zu sein, und dass das nicht schlecht, sondern geradezu gut so ist, dann kann ich meine Unvollkommenheit annehmen. Ich muss die Wahrnehmung der Realität nicht mehr manipulieren und komme so raus aus der Leugnung.
    Ich werde authentisch in dem Sinne, dass ich, wenn ich gebrochen oder unvollkommen bin, auch in meiner Gebrochenheit und Unvollkommenheit authentisch bin. Ich bin der, der ich bin. Egal, ob das in irgendeinem von Menschen gemachten Glaubenssystem gut oder schlecht ist.
    Aus dieser Annahme meiner Unvollkommenheit gehen Ehrlichkeit, Demut, Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Veränderung hervor. Ich bin mir meiner Machtlosigkeit und meiner Unvollkommenheit bewusst und dadurch offen für eine Veränderung, die nicht aus meiner Macht und meinem Eigenwillen hervorgebracht wird, sondern von außen kommt. Und hier wird der Raum für eine Höhere Macht, für Gott, geöffnet.
    Gott ist der einzige Vollkommene. Hier hat die Vollkommenheit ihren Ort. Aber wir sind nicht Gott. Das ist einfach so. Es gibt Gott. Aber ich bin es nicht. Das ist axiomatisch. Aus dieser Unterscheidung emaniert die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist (und nicht unsere manipulierte Wahrnehmung der Realität), sowie die Möglichkeit der realen Veränderung. Reale Veränderung ist immer heterogen, d.h. sie erwächst nicht aus dem Gleichen, was das Leiden oder die Krankheit erwachsen lässt. Sie muss von woanders kommen, etwas neu schaffen, eben verändern.
    Es kann sein, dass „Gott“ eine Setzung ist, die für unser Innerstes steht, das uns selbst transzendental ist. Es kann sein, dass wir in Wahrheit Gott – oder in Gott – sind. Aber in unserem jetzigen Zustand des von der Vollkommenheit entfernten Seins sind wir eben nicht Gott. Und es hilft nicht, den Kurzschluss zu machen, die Unvollkommenheit einfach zur Vollkommenheit zu erklären (Variante b).
    Es hilft auch nicht, den unvollkommenen Zustand abzulehnen, zu negieren, also als schlecht zu bewerten (Variante a), womit wir uns in die Gut-Schlecht-Dualität verstricken und eine fremdgesteuerte, unbewusste Form der Wertung anwenden.
    Die Annahme der Unvollkommenheit als Wie-es-ist (c) ist im Grunde eine wertfreie Sicht. Unvollkommenheit ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Aber dadurch, dass sie als Wie-es-ist gesehen wird, existiert sie unbekämpft und unnegiert. Damit erhält sie ein Position, d.h. sie wird positiv. Jedes Sein ist eine Position, d.h. ist in und an sich gut. Das ist der Unterschied zwischen der Negation und der Position. Position ist, Negation ist nicht.
    In der ehrlichen Annahme-was-ist gründet sich damit nicht eine wertlose Beliebigkeit oder eine beliebige Wertung, die abstrakt alles erlaubt ohne eine moralische Bewertung möglich zu machen, sondern eine natürliche Ordnung der Dinge, die zum Leben strebt, zum Lebensförderlichen, was immer auch eine Veredelung ist.
    Indem wir uns so unvollkommen annehmen, wie wir sind, können wir die werden, die wir sein wollen. Der archimedische Punkt ist die Authentizität in der radikalen Annahme dessen was ist. Dies ist der Kammerton A, die Wahrheit unserer Seele hier und jetzt, mit allen Schmerzen, aller Angst, aller Wut, aller Freude und aller Liebe, die da sind und echt sind. An diesem Punkt ist Veränderung möglich (c). Nicht in der Herausstellung eines Ideals oder einer Vollkommenheit, wo wir nicht sind und die wir werden sollen (a) oder die wir vorgeben zu sein (b).
    Diese natürliche Ordnung der Dinge, die sich daraus ergibt, ist die Ordnung des Lebens selbst, letztlich die Ordnung Gottes. Sie hat nichts mit von Menschen erdachten Ordnungen und Kontrollstrategien zu tun.
    Sie ist keine Ordnung im ordentlich-moralischen Sinne, denn sie enthält ebenso die Unvollkommenheit, das Chaos, das Leiden, den Schmutz, die Zerstörung und den Tod. Denn dies gehört alles zum Leben dazu. Das ist nicht schlecht. Das ist.

    »Wir werden nicht vollkommen werden. Wären wir vollkommen, so wären wir nicht menschlich.« NA-Basic Text, S. 38

    »Für Menschen ist Vollkommenheit unerreichbar – sie ist kein realistisches Ziel. Was wir häufig in der Vollkommenheit suchen, ist Freiheit von dem Unbehagen, das wir angesichts unser Fehler spüren. Für diese Freiheit von Unbehagen tauschen wir unsere Neugierde, unsere Flexibilität und unseren Spielraum für Wachstum ein.« NA-Nur für heute, S. 331 (13.11.)

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