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  • Gute Gefühle – schlechte Gefühle

    Viele Menschen denken, es gehe darum, sich gut zu fühlen. Ich nicht. Ich denke, es geht darum, zu fühlen. Es gibt Menschen, die ständig versuchen, glücklich und zufrieden zu sein. Das ist schön und ehrenhaft, allein, es ist nicht das, was wahr ist. Sie glauben, es ist gut, sich gut zu fühlen und es ist schlecht, sich schlecht zu fühlen. (mehr …)

  • Beziehungslegastheniker

    Seit einiger Zeit bin ich dabei, auf meiner Straßenseite aufzuräumen. Dazu gehört es, mich selbst auf meine Mängel hin zu untersuchen. Gibt es Anteile in meinem Charakter, die nicht in Ordnung sind? Habe ich Fehler gemacht? Dabei wird mir klar, je mehr ich meine Charakterfehler erkenne, umso mehr erkenne ich auch, wie ich anderen Menschen Schaden zugefügt habe. Opferhaltung, reaktives Verhalten, der Anspruch, dass andere sich um mich kümmern, Erwartung von Zuwendung und Anerkennung – das sind alles meine co-abhängigen, infantilen Verhaltensweisen und Haltungen. Indem ich die Verantwortung für mein Leben übernehme, sehe ich erst, was wirklich passiert. Ich höre auf, andere zu beschuldigen. (mehr …)

  • Schmerz, Unverwundbarkeit und emotionales Zölibat

    Spirituell ambitionierte Menschen scheinen mir oft die unausgesprochene These zu vertreten: spirituelle Vollkommenheit ist Unverwundbarkeit. Daraus abgeleitet ergibt sich die Annahme, dass jede Art von emotionalem oder seelischem Schmerz aus einer spirituellen Unvollkommenheit resultiert, die es zu überwinden gilt. Wenn es mir wehtut, dass mein Partner mich verlässt, dann muss ich noch an mir arbeiten. Eifersucht, Einsamkeit, Bedürftigkeit sind Mängel, die sich für einen spirituell fortgeschrittenen Menschen nicht geziemen.

    Wozu gibt es aber Schmerz? Ist Schmerz immer ein Zeichen von fehlender spiritueller Verwirklichung? Wenn ich mich verletze, verbrenne, vergifte, dann ist dies gesundheits- oder gar lebensbedrohlich. Der Schmerz ist das Signal, dass hier etwas nicht stimmt. Ohne das Schmerzempfinden würden wir nicht merken, wann unser Körper Schaden nimmt. Es ist also evident, dass das Leben verletzbar ist. Es ist zerbrechlich und es muss geschützt werden. Das ist ein Merkmal von Leben.

    embrional

    Was auf der körperlichen Ebene einleuchtet, wird auf der emotionalen und spirituellen Ebene oft dementiert. Hier wird jeder Schmerz als Defizit und Unfähigkeit der Person interpretiert. Man soll immer in sich selbst ruhen und die Seele wird wie eine in sich abgeschlossene Einheit gedacht, die von nichts und niemandem abhängig ist. Ich nenne das „emotionales Zölibat“. Wir machen zwar auf der körperlichen und energetischen Ebene noch miteinander rum, aber emotional ist jeder auf sich selbst gestellt. Ich glaube, wir sind uns des Schmerzes nicht bewusst, den dieser Anspruch erzeugt. Überfordern wir uns vielleicht?

    Wie ist die Architektur der menschlichen Seele beschaffen? Der emotionale Schmerz weist darauf hin, dass etwas Lebensnotwendiges Schaden nimmt. Mir scheint, die Seele will und muss sich verbinden. Menschen brauchen Menschen. Verlässliche und stabile Verbindungen sind lebenswichtig. Dazu gehören auch Verbindlichkeit und Verpflichtung. Die Schönheit des Lebens liegt in den Beziehungen. Sie sind die Seelennahrung, die wir brauchen. Der Schmerz ist das Signal, dass uns diese Nahrung fehlt. Das ist ein schöner Schmerz.

  • 2014 im Rückblick

    Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

    Hier ist ein Auszug:

    Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 36.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 13 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

    Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

  • Was tun?

    Vielen von uns geht es darum, in der Welt etwas zu verändern. Wir wollen die Welt retten, wir wollen zum Fortschritt des Bewusstseins beitragen, wir wollen Atomkraftwerke abschalten und so weiter. Dahinter liegt die Idee, dass wir etwas ändern können. Wir gehen stillschweigend davon aus, dass wir die Macht haben, dies zu tun. Wir tun etwas, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das in der Regel aus unserem Denken erschaffen wird. Daraus ergeben sich bestimmte Motive, Strategien und Erwartungen, was unsere Handlungen betrifft. Wie wäre es jedoch, wenn wir einmal von der Annahme ausgingen, dass wir machtlos sind? Dass wir nicht in der Lage sind, etwas zu verändern, dass wir nichts tun können. Welche Motive, Strategien und Erwartungen würde das mit sich bringen? Ich glaube tatsächlich, nur mit dieser Grundannahme können wir echte, klare und wirksame Strategien entwickeln, um in dieser Welt etwas zu tun. Nur so haben wir das klare Motiv, das nicht durch Ego und Machtphantasien verunreinigt ist. Warum soll ich denn dann überhaupt noch irgendetwas tun, wenn es eh nichts bringt?, wird sich nun manch einer fragen.

     

    Was tun?

     

    Es geht jedoch in der Tat um eine Handlung, die ohne Bedingungen und ohne Erwartungen ausgeführt wird. Eine Handlung um der Handlung willen, ohne an die Ergebnisse und den Gewinn zu denken. Das bedeutet, die Kontrolle aufzugeben, und das ist das Schlimmste, was unserem Ego passieren kann. Jede intentionale Haltung verfälscht die Handlung und macht sie zu einem egoistischen, perspektischen Tun, wenn auch vielleicht gut gemeint. So erzielen wir immer nur Teilerfolge, die umgehend von ihrem Gegenteil wieder entkräftet werden. Die echte Handlung fügt sich ein in den göttlichen Plan, sie übersteigt unsere menschlichen Kalkulationen.

  • Konkretes und Allgemeines

    Mein lieber Freund und Kollege Aman, der Herausgeber der SEIN, diskutiert mit mir oft über die aktuelle Situation der Atomkraft. Wir arbeiten im gleichen Büro, und so haben wir öfters die Gelegenheit.

    Aman widmet sich hingebungsvoll den konkreten Fragen und sucht nach praktischen Ansätzen, um eine Energiewende in der Gesellschaft voranzubringen. Er weiß alles über das Salzbergwerk Asse, in dem Plutonium eingelagert ist, und er hat minutiös recherchiert, was Altbundeskanzler Helmut Schmidt in den Siebzigern getan hat, um die Atomenergie politisch zu etablieren.

    Ich selbst stehe da manchmal beschämt daneben, denn ich kann mich für diese konkreten politischen Fakten wenig erwärmen und kenne mich demzufolge nicht aus. Vielleicht geht es manchen von Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, ähnlich? Die Tagespolitik geht irgendwie an mir vorbei.

     

    banksy

    Ich frage mich, was die Menschen überhaupt dazu bringt, so gewalttätig mit der Schöpfung umzugehen. Warum besteht wo wenig Empathie für die Natur und für andere Menschen? Was treibt einen Politiker dazu, über Leichen zu gehen? Warum kann er diesen Schmerz nicht fühlen? Warum ist ihm oder ihr diese Zerstörung egal? Oder sucht er sie etwa?

    Hier kommen wir zum Allgemeinen im Konkreten. Was treibt uns Menschen an? Ich glaube, wir beziehen unsere Energie und unsere Motivation nicht aus dem Denken oder der Vernunft, sondern aus dem Gefühl. Der Wunsch nach Zerstörung kommt aus dem Unbewussten. Er ist die Antwort auf selbst erlittene Zerstörung, die nicht geheilt wurde – verdrängter Schmerz, Angst und Wut aufgrund von seelischen Verletzungen, sexuellem Missbrauch, körperlichen Misshandlungen. Schon die Kinder werden damit traktiert.

    Um die Welt und uns selbst zum Guten zu verändern, braucht es die ganze Bandbreite: die Vorarbeit in den emotio-spirituellen Grundlagen und die Nacharbeit in den geschaffenen Fakten. So kommen wir vielleicht in den magischen Moment des Jetzt, wo eine befreite Handlung – spontan und gefühlt – möglich ist.

     

     

  • Von der Ökologie zur Spiritualität

    Hat man die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verfolgt, dann war immer wieder das Wort „Energiewende“ zu hören. Überall hört man nun vom Ausstieg aus der Atomenergie, selbst im konservativen Lager. Der alte gelb-rote Button aus den 80er Jahren mit der Sonne feiert sein Come-Back.

    Das erinnert mich an diese Zeit vor 30 Jahren. Damals sind wir schon auf die Straße gegangen, um gegen Atomkraftwerke und Atomwaffen zu demonstrieren. Ich erntete von der Generation meiner Eltern dafür nur Hohn und Spott, bestenfalls noch Unverständnis. Die Grünen waren Exoten oder Spinner. Heute heißt es: „Die Kernenergie ist tot.“ Wir hören von der Zwangsabschaltung der Kernkraftwerke, Aktien alternativer Energieanbieter wachsen zweistellig, den Anti-AKW-Sticker ziert nun mancherorts das SPD-Logo.

    30 Jahre hat es also gedauert, um von einer Außenseiterposition in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

     

    atomkraft-nein-danke

     

    Heute ist es die Spiritualität, die diese exotische Außenseiterposition in weiten Teilen der Gesellschaft noch hat. Die Spiritualität steht in diesem Sinne noch am Anfang davon, eine nennenswerte Breite zu erreichen. Es ist indes offensichtlich, dass die ökologische Wende nur ein Teilerfolg auf dem Weg zur menschlichen Gesellschaft ist. Der äußeren Heilung der Erde und der Natur muss sich die innere Heilung der inneren Natur des Menschen hinzugesellen. Der Mensch selbst ist es ja, der alle diese Dinge anstellt und der Urheber guter wie auch schlechter Taten ist. Nur in der Hinwendung zu einem lebensrichtigen Verständnis unseres eigenen Seins können wir auch zu einem lebensrichtigen Umgang mit unserer Mitwelt gelangen.

    Die spirituelle Entwicklung ist also nun das Gebot der Stunde. Hier ist die Vorhut für die nächste Stufe der menschlichen Gesellschaft positioniert. Die spirituelle Bewegung ist jetzt da, wo die Ökologie vor 30 Jahren stand. In 30 Jahren werden wir also in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein. Spätestens, denn wie wir erleben, beschleunigt sich die Geschwindigkeit aller Entwicklungen. Jetzt ist die Zeit, sich ernsthaft den spirituellen Aspekten unseres Lebens zuzuwenden, um nach der Energiewende als nächstes die Herzenswende zu schaffen.

  • Wofür gibt es spirituelle Zeitschriften?

    Wir Menschen vergessen mitunter, woher wir kommen. Wir sind spirituelle Wesen und dort liegt unsere Kraft. Bewusst oder unbewusst suchen viele von uns nach dieser spirituellen Quelle, um daraus ihre Kraft schöpfen zu können. In einer spirituellen Zeitschrift werden wir wieder daran erinnert, dass es um das Spirituelle geht. Wir Macher der spirituellen Zeitschriften fühlen einen Drang, das, was es da gibt, herauszubringen. Deshalb bringen wir eine Zeitschrift heraus, die diese Themen, dieses Wissen veröffentlicht. Es ist ein Auftrag, eine Berufung, eine Passion. Es trägt uns.

     

    Tattva Viveka - Sein Redaktion

     

    Als Herausgeber und Chefredakteur der Tattva Viveka bin ich nun schon seit einigen Monaten mit meiner eigenen Redaktion im Büro der SEIN-Redaktion. Das ist sehr inspirierend. Die Anregungen haben sich seitdem potenziert. Zuvor arbeitete ich alleine, südlich von Frankfurt auf dem Lande. Das war sehr idyllisch und ruhig, aber eben auch sehr überschaubar.

    Mein spirituelles Leben beinhaltet die Hingabe an das Göttliche. „Loslassen und Gott überlassen“ ist ein bekannter Spruch. Aber was heißt das? Was würde passieren, wenn ich mich wirklich von Gott führen lasse? Ich habe es ausprobiert und das ist dabei herausgekommen: Nun lebe und arbeite ich in Berlin, im spirituellen Hotspot Akazienhof, mit der Redaktion der spirituellen Zeitschrift SEIN in einem Büro. Besser hätte es nicht gehen können. Ich fühle Dankbarkeit und regelrecht Ehrfurcht vor den Fügungen, die in den letzten Monaten geschehen sind.

    Jetzt sind zwei spirituelle Zeitschriften zusammen. Wir tauschen uns aus, lernen voneinander und miteinander. Wir erzielen Synergie. Das ist nicht selbstverständlich. Ich glaube, die göttliche Kraft hat noch was mit uns vor. Das ist erst der Anfang.

    Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit und danke auch den Leserinnen und Lesern, denn ohne sie gäbe es unsere Zeitschriften nicht.

     

  • Zeige dich

    innere WahrheitZeige dich mit deiner Wahrheit. Wenn du das machst, lernst du gesehen zu werden. Und wenn du das kannst, lernst du Liebe zu nehmen. Dann lernst du dich selbst zu lieben. Und wenn du das kannst, dann lernst du Liebe zu geben. Dann endet die Bewertung der anderen, die du nur machst, um dich davor zu schützen, gesehen und erkannt zu werden. Dann endet die Leugnung und die Scheinidentität. Dann musst du nicht mehr andere abwerten um dich selbst aufzuwerten. Dann endet dein Minderwert. Wir lieben dich, solange bis du dich selbst lieben kannst. Die umwerfende Erfahrung besteht darin, sich zu zeigen, mit all seinen Abgründen und Blößen, und hinterher eine Umarmung zu bekommen, angelacht und angenommen zu werden. Die andere umwerfende Erfahrung besteht darin, diese Liebe nehmen zu können. Angst und Scham treiben uns in die Isolation, in das Gefängnis des schönen Scheins, wo man unheimlich hipp und cool ist. Aber wir brauchen jemanden, der an uns glaubt, gerade dann wenn wir nicht an uns selbst glauben können. Ehrlichkeit ist das Gegenmittel gegen die Lüge.

    Wir haben Angst gesehen zu werden, denn dann kommt die ganze Wahrheit über uns ans Licht. Wir haben Angst verurteilt oder abgelehnt zu werden. Wir sind wie Menschen, die niemanden an sich heranlassen. Wir denken, die anderen wollen uns nicht. Aber die anderen wollen uns Liebe geben. Wir können diese Liebe nicht sehen und nicht nehmen. Indem wir uns zeigen, durchbrechen wir diesen Kreislauf der Leugnung, des Scheins und des Getrennt-Seins. Das ist die mutige Tat. Nicht als Gejammer, aber ehrlich und nüchtern. Versuche, die Wahrheit zu sagen!

    Wenn dann die innere Fülle beginnt, der innere Frieden und das Bei-sich-Sein, dann können wir fühlen und lieben. Dann können wir vom Herzen unsere Liebe geben. Die Einsamkeit und Isolation enden. Das alles ist ein langsamer Wachstumsprozess über Jahre. Mach dir nichts vor. Du bist eine Eiche. Je langsamer du wächst, umso stärker wirst du. Dann kommst du an bei dir, in der Welt und bei den Menschen.

    (Text für meine monatliche Kolumne in der Zeitschrift SEIN, Berlin Juli 2014)
    Dank an das 12-Schritte-Programm, dem ich die meisten dieser Verwirklichungen verdanke.

  • Twitter macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer

    Twitter

    Zum Phänomen Twitter

    Seit 22. Oktober 2009 bin ich bei Twitter.
    Ich finde dieses Werkzeug im Grunde eine geniale Sache. Es wird jedoch oft wie ein Kinderspielzeug benutzt, und das meiste, was damit gemacht wird, ist in meinen Augen Quatsch. Es ist ein geniales Medium, aber die Inhalte und der Umgang damit sind oft nicht gerade sinnvoll.
    Eigentlich sehe ich in Twitter die Möglichkeit, auf täglicher Basis ohne großen Aufwand meine Reise durch das Meer der Information zu dokumentieren. Ich kann Nachrichten tweeten (engl.: zwitschern), interessante Links posten, mitteilen, was ich gerade für ein Buch lese, philosophische Zitate reinstellen, spirituelle Verwirklichungen teilen, in Echtzeit Statusmeldungen per Handy hochladen usw. Es ist eine Möglichkeit, meine Entdeckungen zu speichern und gleichzeitig anderen die Möglichkeit zu geben, daran teilzunehmen.
    Umgekehrt kann ich anderen Menschen folgen, um an ihren Entdeckungen teilzuhaben. So könnte eine schöne, wenn auch lockere Art der Verbindung mit Menschen gepflegt werden. Diese Art der Verbindung sollte sicher nicht die einzige sein, die ich praktiziere. Diese sozialen Netzwerke im Internet bergen die Gefahr, dass der Abstand zwischen den Menschen größer wird, weil man sich von der Begegnung im realen Leben zurückzieht. Aber das wäre nur eine dysfunktionale Form der Anwendung, die die Sache an sich nicht in Frage stellen kann. Als eine der Spielarten in meiner kompetenten Beziehungspflege einerseits und als reiner Informationskanal andererseits kann Twitter durchaus ein wunderbares Werkzeug sein.
    Nun gibt es aber Menschen in Twitter, die 5500 Leuten folgen (following) und 5000 Folger (followers) haben. Wer, bitte schön, kann 5500 Leuten folgen, d.h. ihre Nachrichten lesen? Das ist unmöglich. Eine Gepflogenheit scheint es zu sein, nach dem Motto vorgehen: „Wenn du mir folgst, folge ich dir.“ Es geht den Leuten nur um Quantität, um die möglichst große Zahl an Folgern. Das scheint mir doch das zentrale Motiv der Meisten zu sein. Je mehr Folger ich habe, umso ein größerer Fisch bin ich. Dass dies mit dem Mittel der gegenseitigen Hinzufügung zu meiner following-Liste geschieht, ist meines Erachtens ein Raubbau an dem Werkzeug Twitter und eine Bankrotterklärung des Inhalts. Man folgt zwar 5500 Leuten, aber man liest ihre Tweets nicht.
    Es lässt sich beobachten, dass die Zahl der Gefolgten (following) immer die Zahl der Folger (followers) übersteigt. Das ist symptomatisch. D.h. sie folgen mehr Leuten, als ihnen Leute folgen. Bei mir erlebe ich das so: Oft folgen mir Leute. Ich gehe dann auf ihre Seite und schaue, was sie schreiben. Wenn mich das nicht interessiert, folge ich ihnen auch nicht. Nach ein paar Tagen entfolgen sie mich wieder. Ich deute das so, dass sie mich wieder löschen, weil ich ihnen nicht im Gegenzug auch folge. Auf diese Weise erreichen diese Leute riesige Zahlen von Folgern und Gefolgten. Die Zahl der Gefolgten ist aber zwangsläufig immer höher, weil sie natürlich einigen wichtigen Tweetern folgen, die ihnen nicht im Gegenzug auch folgen und die sie aber trotzdem nicht löschen, und weil sie natürlich in der Flut der Gefolgten auch immer mal den einen oder anderen, der sich nicht bei ihnen anschließt oder seinerseits nach einiger Zeit wieder entfolgt, beim Entfolgen übersehen. Eine Liste von 5500 Gefolgten kann man unmöglich pflegen. Das ist technisch und vor allem zeitlich nur mit sehr hohem Aufwand zu bewältigen. Man lässt sie deshalb einfach als Karteileichen liegen. Ich vermute mal, dass diese Leute das auch nicht so genau nehmen.
    Eine echte und überzeugende Sache machen hingegen die Leute, die z.B. 5000 Folger haben und selbst nur 10 oder 50 Leuten folgen. Das zeigt, dass diese Tweeter was zu bieten haben. Auch ohne dass sie ein Gegengeschäft machen, folgen ihnen 5000 Leute. Zum Beispiel hat der Dalai Lama 376.676 Folger, und folgt selbst 0 Leuten. Oder Michael Moore, der us-amerikanische Filmemacher, hat 675.226 Folger und folgt selbst nur 50 Leuten. Derartige Beispiele gibt es viele. Solche Zahlenverhältnisse sind Qualitätsmerkmale. Die Zahl der Folger kann unbegrenzt wachsen. Die Zahl der Gefolgten, also derer, denen ich folge, kann meines Erachtens maximal um die 100 sein, wenn jeder von denen alle zwei Tage einen Tweet reinstellt.
    Davon abgesehen kann Twitter auch für nicht berühmte Menschen ein schönes Werkzeug sein, wenn sich echte Menschen, die sich kennen und sich etwas zu sagen haben, vernetzen und gegenseitig folgen. Dann kann Twitter eine Bereicherung sein.
    Leider stelle ich fest, dass die Menschen aus meiner Szene, denen ich gerne folgen würde, überhaupt nicht in Twitter sind, weil sie sich von dem Quatsch, der dort massenhaft verbreitet wird, nicht angezogen fühlen.
    Ich plädiere deshalb dafür, dass wir uns innerhalb von Twitter unsere eigenen, qualitativen Netzwerke aufbauen. Auch wenn viele Twitter nur wie ein Kinderspielzeug dafür benutzen, um Masse zu machen und Quatsch zu posten, bedeutet das noch lange nicht, dass das Werkzeug selbst Quatsch ist. Frei nach einem Spruch von Reich-Ranicki übers Fernsehen könnte man deshalb sagen: „Twitter macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“
    Für mich ist Twitter ein Übungsfeld, das mir hilft, meine Entdeckungen, Erfahrungen und Erkenntnisse bewusst wahrzunehmen und Kompetenz darin zu entwickeln, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Indem ich diese Inhalte notiere und ins Netz stelle, muss ich darüber reflektieren und mir die Dinge bewusst machen. Mir fällt es nicht so schwer, das Unwichtige wegzulassen, als vielmehr, das Wichtige und Wesentliche zu erkennen und festzuhalten anstatt es zerrinnen zu lassen.
    Indem ich mich mit meiner Spur (track) zeige, werde ich.